hier im Schnee. Wenn sich eine Kabinentür öffnete und man grade vorbeiging, schlug einem weißer Dunst und Karbolgeruch ins Gesicht. Alle diese Maschinen kamen aus dem Osten und alle hatten Verwundete geladen.
Den Flugleiter fanden sie umgeben von einer Anzahl Männer, eine Staffel Kampf- flieger, die von Sizilien über München -Krakau gekommen waren und hier über- nachten wollten.
„Ganz ausgeschlossen,— wir haben eine Flugstrecke von 2000 Kilometern geflogen und in Zwei Stunden wird es bereits dunkel!“ hörte Carras den Kommodore sagen. Der Flugleiter erwiderte:
„Ich kann Ihnen nicht helfen, meine Herren! Befehl des Reichsmarschalls: Keine zwischenlandende Maschine hat sich länger aufzuhalten, als unbedingt für Abferti- gung und Tanken notwendig. Jede Verzögerung eines fronteinsatzfãhigen Flugzeugs wird sofort kriegsgerichtlich geahndet!“
Die Kampfflieger mußten noch vor dem Dunkelwerden wieder starten. Auch die Ju mit Carras hatte ihren Flug fortzusetzen, zunächst bis Kalinowka in der Ukraine . Auch hier Tanken und Weiterfliegen, bis Winniza in der Ukraine .
Am nächsten Tage flogen sie bis Mariupol , wo sie zum zweitenmal übernachteten. Schon in Berlin hatte Carras sich auf die OKH-Berichte hinsichtlich„Abwehr- kämpfen, planmãßiger Räumung usw.“ einen„eigenen Vers“ gemacht; doch was er in Winniza und noch mehr in Mariupol zu hören bekam, und nur ganz nebenbei, von Fliegern, die ihre letzten Einsãtze erwãhnten und davon sprachen, wie sie Bahn- hõfe, Lokomotiven, Eisenbahnzüge mit Material, nicht etwa russisches, sondern deutsches Material, zwanzig Züge hier, dreißig dort, vierzig Waggons an der einen Stelle, fünfzig, sechzig Waggons an anderen Stellen, mit schweren Bomben belegt hatten, das mutete ihn an wie Erfindungen von Vbergeschnappten, und zuerst war er versucht anzunehmen, daß dieser ganze Fliegerhorst und alle, die da beisammen waren, in ein Mervensanatorium oder noch sonstwo an ganz andere Stelle hinge- hörten.
„Kamensk, Millerowo, Morosowski, Salsk, Walujki“ wurden genannt.—„Um Gottes willen, wo verlãuft denn da eigentlich die Front?“ hörte er Döllwang fragen.—„Sie werden schon schen!“ wurde Döllwang von einem Fliegerhauptmann erwidert. Noch ein Fahrgast war dazugekommen, ein Hauptmann Henkel, ein Reservist, der in Charkow einen Druckereitrupp geleitet, und der, weil er doch auch einmal richtig dabei sein wollte, wie er erklärte, sich zur Verwendung nach Stalingrad gemeldet hatte.
Und am andern Tag setzten sie an zum letzten Sprung. Zuerst flogen sie in Boden- nãhe, oft nur 20 Meter hoch. Carras saß am Fenster, und nachdem Taganrog passiert war, hatten sie die Ponmündung unter sich, die blauen gefrorenen Flußarme in Heerstraßen verwandelt. Marschierende Kolonnen, mitten drin Vieh, Bauern, Bauern- frauen, Pferdefahrzeuge, Schlitten. Gleich langen krabbelnden Ameisenzügen be- wegte es sich der Richtung der Stadt Asow und dem Meere entgegen.
8 Stalingrad 113


