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war er nicht mehr ein Oberstleutnant Carras, sondern Oberst Carras. Es war ihm seine Beförderung zum Obersten mitgeteilt worden; außerdem hatte er seine Ver- Setzung zur 6. Armee erhalten, nominell zur Einarbeitung in die Geschäfte eines Artilleriekommandeurs, darüber hinaus aber betraut mit einer besonders heiklen, ehrenvollen und ihm geradezu vom Führer anvertrauten Aufgabe. Die Hauptsache aber: Schon am anderen Tage sollte er fliegen.
Oberst Carras kam nach Hause.
Er wohnte im alten Westen, in der Nähe des Bellevue-Ufers, in einer Wohnung, in der vor ihm ein alter jüdischer Sanitätsrat gehaust hatte. Die Stahlmöbel in den Zimmern— Stahlrohr und Glas— waren Neuanschaffungen; andere Möbel, im Arbeits?immer der riesige Schreibtisch, die schweren Bücherschränke, die Reihen der Bücher, Buddhafiguren, chinesische Götzen auf den Regalen, die Stiche an den Wãnden, waren vom alten Besitzer übernommen; etwas altmodisch anmutend zwar, doch durch„ein entzückendes Hitlerbildnis“ ganz in goldbraunen Tönen, die knollige Nase und die obere Gesichtshälfte gan? unter dem großen Mützenschirm und in goldenen Sonnenschatten eingetaucht, hat er einen modernen Ton in das Ganze gebracht.
Der„Oberst“ mußte gefeiert werden und noch etwas,— Abschied war zu nehmen. Von seiner Versetzung, und vor allem wohin er versetzt war, davon hat er seiner Frau geschwiegen. Diesen bittern Tropfen wollte er dem letzten Abend nicht bei- mischen. Auf ihre Frage:„Sollten wir nicht Schultes oder sonst jemand anrufen?“ hatte er erwidert:„Nein, laß nur, wir wollen diesen Abend allein verbringen, zich dich nur an!“
Etwas spãter legte er Seiner Frau das Maulwurfcape um die Schultern und schon dabei- beide vor dem Spiegel der Garderobe Stehend- und an dem Blick, mit wel- chem er Schultern, Haar, das aus dem Spiegel entgegenscheinende Gesicht umfaßte, war er in seinem Geheimnis ertappt. Aber er spielte Seine Rolle weiter. Er feierte geine Beförderung und nicht irgendeinen dũstern Abschied, Himmelherrgott, nicht aus?udenken, für immer vielleicht. Der Lift arbeitete wieder einmal nicht. Sie tasteten sichdie finstere Treppe hinunter. Mit der Stadtbahn fuhren sie zwei Stationen, und zu Fuß gingen sie weiter. Feucht und kalt, vierter Kriegswinter. Wilde Gerüchte von gestern— El Alamein , Tripolis , Ostfront— die schwer bedrückende Stimmung des vierten Kriegsneujahrs noch in der Luft. Margot frõstelte, als sie die Finsternis zwischen dem Bahnhof Zoo und dem Wittenbergplat? durchschritten. Er scherzte: „Wenn die Verdunkelung mal vom Rrdboden verschwindet, wird man sich gar nicht mehr zurechtfinden!“
Bei„Horcher“ in der Lutherstraße war alles wie auch sonst. Wärme, Licht. Lautlos hantierende Kellner, etwas äãltere als früher. Am Nachbartisch saß ein Fliegermajor mit einer Schauspielerin.
„Ja, und da kann ich Ihnen einiges erzählen...
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