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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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konnte Steiger den Dienst nicht tun, um den der ihn bat. Seine Hände versagten, und der Fahrer mußte zugreifen. Er öffnete den Mund. und es kam kein Ton, und da handelte es sich nicht um Steiger, nicht nur um Steiger, nicht um den Fuß, den Steiger ihm in den Schoß gelegt hatte; es handelte sich nicht nur um einen Fuß, Ssondern um viele Füße, und auch nicht darum. Und was geschah, was draußen im Licht des Scheinwerfers auftaumelte, was gegen die Windschutzscheibe andrängte.. Gesichter am Seitenfenster, Hände an der Tür, an den Türgriffen, an den Tritt- prettern, an den dicken vereisten Rädern, das am Kühler an der Wagenwand hän- gende Gerank von Armen, von Körpern, die in den Schnee zurückfallende Traube aus menschlichen Leibern, es war gegen alle Natur, gegen alle Erfahrung, gegen alles Vorstellbare. Der Fahrer sprach es aus, der Fahrer sagte nicht:Herr Ober- leutnant heulen ja! Der Fahrer sagte:Menschenskind, hör doch zu heulen auf, da läßt sich nichts machen!

Und das war einmal... ein Pferd war gefallen und wieder aufgestelit worden und an dem gebrochenen und in widernatürlicher Lage hängenden Fuß des Pferdes hatte Sein Blick ein fünfjähriges Kind war er damals gewesen erschreckt ge- haftet, und nach Hause geführt und von der Tante ins Bett gelegt, hatte er geweint und durch Tage in einer heftigen Nervenkrise geschwebt. Das war einmal, und da war er nach SS -Auslese, nach der Ordensburg Sonthofen , nach Strafexpeditionen im Brester Gebiet, nach Schützengraben- und Bunkerkämpfen, da war er mit seinen zweiundzwanzig Jahren wieder angelangt, und in seiner Schwãche war er. Steiger sagte es, war er auf dem Wege:Heulen Sie nur, da sind Sie auf dem Wege! Hauptmann Steiger war eine Gesichtshãlfte vom Splitter eines Panzergeschosses auf- geschlagen, der rechte Arm war zerschmettert worden, die Füße waren heil geblieben, sie waren, als Tomas ihn von dem Hügel gebracht hatte, heil gewesen. Nach der Schlittenfahrt war aber auch mit den Füßen oder mit einem der Füße etwas los. In das Auto hat man ihn hineinheben müssen. Und mit diesem Fuß hatte alles begonnen.

Die Straße, auf der Wedderkop sich befand, war auch ohne Schnee eine schwer

pefahrbare Straße. Wenn auch im ganzen über ebenes Gelãnde führend, so tauchte sie doch in Bodenwellen ein, sank mal in eine Steppenschlucht ab, ein anderes Mal in ein ausgetrocknetes Flußbett, um am andern Ufer wieder aufzuklimmen, und sie war weit entfernt davon, die kürzeste Verbindung zwischen den Steppenorten dar- zustellen und zog sich, an Bodengegebenheiten angepaßt, in Windungen und in weiten Schleifen dahin, kaum anders als die Kühe der Steppe sie vor Zeiten einmal ausgetreten hatten. In dieser Nacht lag Schnee, feiner Pulverschnee, stellenweise zu ganzen Mauern zusammengeweht. Die Richtung war an aufgestellten Stangen mit daran befestigten Strohwischen kenntlich. Die vierꝛig oder fünfundvierzig Kilo- meter, die Wedderkop vor sich hatte, sind an sich keine betrãchtliche Strecke. In dieser Nacht aber haben Bataillone für die Verwindung von zehn Kilometern zwölf Stunden gebraucht und noch andere haben ihr Ziel niemals erreicht. Was

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