Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
102
Einzelbild herunterladen

wahrscheinlich, denn es war schon in der fünften Stunde des Nachtmarsches und das ganze Regiment schlief, während es Fuß vor Fuß setzte und sich bewegte, weiter nach Osten, einer neuen Stellung entgegen.

In der gleichen NMacht legte Oberleutnant Wedderkop im LKW die Strecke nach Pitomnik zurück. Wedderkop war zweiundzwanig Jahre alt, ein langer schlaksiger Junge mit blondem Scheitel. Wenn der Befehl es so verlangte, würde er sich eine Zigarette zwischen die Zähne klemmen und mit gefälltem Bajonett auf ein ver- schanztes Regiment losgehen, oder auch gegen einen 52 Tonnen-Panzer, und er würde sterben nicht anders als ein auf einen Panzer abgerichteter Schäferhund. Das hatte er gelernt, und zwar nicht in der Armee, sondern in einemAusleselager der Hitlerjugend. Kraftgefühl, physisches und moralisches(und Moral als Uberlegen- heit eines angenommenen Herren- und Ubermenschentums gegenüber einem an- genommenen Sklaven- und Untermenschentum) war in ihm entwickelt worden, und darauf gepfropft eine besondere Art, nicht auf Selbsterhaltung, oft sogar auf Selbst- vernichtung gerichteten bedenkenlosen Mutes. Aber von dieser Art künstlichen Selbstgefühls und voraussetzungslosen Mutes bis zur edlen Figenschaft mensch- licher Kühnheit ist ein weiter Weg, und für letztere fehlten einige Voraussetzungen, und soweit volche Voraussetzungen dennoch vorhanden waren(und vorhanden sind sie in jedem Menschen), sind sie systematisch verkümmert worden. Als Kunst- produkt, als halbe Substanz, als eine nur in Weiß gezeichnete Figur war der S§- Junker Wedderkop ins Leben getreten. Das Leben konnte ihn töten, und dazu war er erzogen worden; oder es konnte ihn umschmelzen und von vorn beginnen lassen, und dazu waren nicht Zeit und Mühe und Mittel auf die Heranzüchtung seines Typs verwendet worden. Gleichviel: dem Leben gegenüber, in dem die Gewichte richtig verteilt sind und in dem nicht auf der einen Seite Herren- und UVbermenschen und Mutige existieren, denen die Welt gehört, und auf der anderen Seite Sklaven und Untermenschen und Feiglinge, denen nichts gehört, diesem mit gut und böse, mit fãhig und unfãhig, mit mutig und schwach in jeder Menschenseele ausgewogenen Leben gegenüber konnte er so, wie er gebildet worden war, nicht bestehen. Wedderkop befand sich nun aber im Leben, und zwar in einem brodelnden Tiegel des Lebens. Und die Nacht, die vor ihm lag, und der Weg, den er zu fahren hatte, und was auf diesem Wege war, hatte eine schwere Lehre für ihn bereit: in dieser Nacht sollte er das Fürchten lernen. Und er machte alles durch, er konnte dem Ubel nicht entgehen. Es nutzte nichts, sich darauf zu berufen, daß Angst ihm eine artfremde Sache und ansonstenein Merkmal jüdischen und jüdischgemischten Schlechten Blutes sei. Es gab keine Ausflüchte, und das Blut schoß ihm in die Ohren, und eine Faust legte sich um sein Herz, und das Blut wich zurück, und er erbleichte und zitterte wie ein zu Tode erschrockenes Tier. Er wäre zusammengeklappt, wenn er nicht auf dem Vordersitz des LKWs gesessen und links neben sich den Fahrer und rechts Hauptmann Steiger gehabt hätte, den er mit den andern Verwundeten hinten im Wagen in Pitomnik oder in Gumrak abzugeben hatte. Er zitterte und

102