fünfzehn oder zwanzig sternförmig ausstrahlenden Nebenseilen waren fünfzehn oder zwanzig kriegsgefangene Russen angespannt. Und Fluchen half nicht und Stõße mit Gewehrkolben halfen nicht. Das Tempo blieb gleichmäßig langsam, auf glatter Bahn ebenso wie quer durch Schneewehen. Es kam vor— und auf jedem Marsch kam es vor—, daß einer aus dem Seil herausfiel; dann nahm der Nebenmann das ledige Seil auf, und es ging weiter ohne Anhalten. Bei der Schlittenkolonne hatte der neben dem Wege Bleibende einen Namen, dort blieb er in Herzen eingegraben, und eines Tages wird für ihn Rechenschaft gefordert werden. Aber die aus dem nachfolgenden Gros kannten seinen Namen und kannten seinen Rang und sein Her- kommen nicht, und wenn sie so ein graues Bündel neben der Straße, die sie zogen, liegen sahen, blickten sie kaum hin. Der eine, der andere, ein dritter vielleicht, Sagte: „Ein Troßrusse!“ Drei„Troßrussen“ hatte de Wede in dieser Nacht an der Seite, an der er mar- schierte, liegen sehen, den ersten und den zweiten ganz deutlich auf dem weißen Feld, den dritten, obwohl auch nur zwei Schritte emfernt und obwohl es nicht dunkler geworden war, bemerkte er kaum noch, und es war nur noch ein grauer Fleck im Irgendwo. Und de Wede hörte auch nicht mehr, er war taub geworden. Die Füße vor und himer ihm stapften und schurrten und schleiften und schleppten sich durch Schneeverwehungen, und de Wede hörte nichts. Er marschierte in einem Zug lautlos wie Rauch dahinzichender Gespenster. Dabei wußte er genau, was ihm fehlte und was ihn retten könnte. Er dachte an eine halbe Flasche Kognak, die er zu Hause im Wandschränkchen hatte stehenlassen. Oder Alwine oder Liese, seine Klteste, könnte einen schwarzen Kaffee kochen, oder einen heißen Tee, sogar Hoff- mannstropfen würde er einnehmen. Die Füße und Hände taten ihm nicht mehr weh, und die Knochen waren ihm nicht mehr so schwer, wie sie es vorher waren. Aber er ging wie durch Watte. De Wede war nicht mehr blau im Gesicht. Wenn man ihn ins Licht hätte bringen können, hätte man gesehen, daß seine Wangen kreidig waren. Der Krefelder an seiner Seite bemerkte es nicht, und Wilsdruff bemerkte es nicht, obwohl die starre und schneeweiße Nase selbst in der Macht mit dem Mond hinter den Wolken hätte auffallen können. Alle hatten mit sich selbst zu tun, sie stapften und schurrten vorwärts und schleppten sich durch Nebel, die nicht um sie her, die in ihnen waren. Und de Wede ging durch Watte, aber durch Watte geht man nicht lange. De Wede stakte einige Schritte weiter, dann trat er aus der Reihe heraus und taumelte zum Graben. Finen Moment stand er da, bis zu den Knien in einer Schneewehe. Der Krefelder sagte:„Vielleicht muß er bloß mal pissen!“ Der Oldenburger aus der hinteren Reihe bemerkte erst nach einer Weile die Lücke vor sich. De Wede setzte sich hin, und als er erst saß, fiel er in der Schneewehe ganz in sich zusammen. Er spürte nichts mehr, und keine Alwine und keine seiner flachshaarigen Töchter war bei ihm. Ein graues Bündel lag neben der Straße, das vierte war es an dieser Seite der Kolonne und während des Marsches. Vielleicht, daß aus den hinteren Reihen einer sagte:„Ein Troßrusse!“ Doch das ist nicht
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