Und wenn er gewöhnlich in seinen Bewegungen und in seiner Rede auch langsam war, das Herz trieb das Blut, wenn äußere Umstände es verlangten, auch schnell und so schnell durch die Adern, wie es erforderlich war. Zu Hause, in der Reihe der Schnitter, hatte er schon als Vierzehnjähriger seinen Mann gestanden, von den Morgennebein bis zu den ersten Sternen; und ebenso später auf dem Tanzboden, auch bei Raufereien, die manchmal den Tanzbodenvergnügungen folgten. Und nicht wenige Schlägereien hatte er auszukämpfen gehabt, seiner Alwine wegen, die er sich von einem Nachbardorf geholt hatte. Sein Herz hatte immer mitgetan und wenn die Umstände es verlangten, auch angespannt gearbeitet. Und was die Kälte anbelangte, so war er abgehärtet. Selten hatte er Handschuhe getragen, zu Hause hatte er auch bei strengem Frost eine Stunde und länger auf dem Wagenbock sitzen und mit bloßen Fäusten die Leine halten können. Die Hände waren dann rot und waren auch blau geworden, das ist natürlich, aber das war auch alles; im nächsten Gasthaus, in dem er einkehrte, schoß das Blut sofort wieder bis in die Fingerspitzen, daß es kribbelte. Vor einem Jahr, vor Moskau , hatte er Fausthandschuhe getragen und hatte er auch seinen Kopf umwickelt; und es ist wahr, da waren Tage gewesen, an denen er wie ein Hund hatte frieren müssen, aber unbeschadet und mit heiler Nase und ohne Frostbeulen war er durch 40 und auch durch 42 Grad Kälte ge- kommen. Daheim nannten sie ihn zum Unterschied von anderen Wedes den Fruens- Wede, weil er ohne Sohn war, er hatte nur drei Töchter. Er war einundvierzig Jahre alt und normalerweise hätte er also das halbe Leben hinter sich und noch ein halbes vor sich. Der alte Wede, sein Vater, hatte noch mit„8o“ auf dem Hof herum- gekrustelt, und noch mit„82“ war er auch bei 26 Grad Kälte(oviel waren es, als sie abmarschierten) aus dem Haus gegangen und vom Porfende bis an die Kirche oder noch weiter bis ins Wirtshaus gestapft. Das war der alte de Wede, aber der junge de Wede, oder der Fruens-Wede, Stapfte in dieser Nacht vom Rossoschkatal ostwärts über eine Straße, an der es keine Kirche, keine Gastwirtschaft, an der es nichts gab außer Schnee. Er marschierte am rechten Flügel der Reihe. Meben ihm marschierte der Krefelder, daneben Unteroffizier Matzke und hinter ihm schlurfte mit einer Pferdedecke, die er mitten durchgeschnitten und um die Füße gewickelt und mit einem Strick umwunden hatte, ein Oldenburger aus Jever . De Wede war müde, war ausgehungert, das waren die anderen auch. Nach einer Stunde Marsch war er blau im Gesicht, das waren alle, das war die ganze marschierende Kolonne. Aber es lag am Herzen, und das de Wedesche Herz war matt geworden. Ohne Tritt und in loser Reihe, und drei hinter drei und weit voraus der Troß, so z0g das Regi- ment durch den Schnee.
Eine bewölkte Nacht, und doch war es nicht vollends dunkel. Der Schnee leuchtete. So langsam das Regiment auch dahinzog, der Troß zog noch langsamer, aber er hatte einen Vorsprung. Eine Kolonne Schlitten, beladen mit Gewehr- und Pakmunition, mit Zeltplanen, mit Instrumenten, mit allerlei Kram,— vollbeladene Schlitten, aber keine Pferde waren vorgespannt, sondern Menschen. An dem Hauptseil und den
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