befindet und die von den Russen immer weiter aufgespult wird und die, über den Flugplatz Pitomnik führend, am anderen Ende in das Trümmer- und Ruinenfeld Stalingrad mündet. Für eine aus dem Nichts kommende und ins Nichts führende Straße sind sie gefallen! Diese abgerissene Straße ist aber ebensowenig wie der südlich gelegene aus dem Netz herausgerissene Fisenbahnstrang noch ein militäri- Sches Objekt, und Straße oder Bahnstrang noch zu halten, kann weder militärische Notwendigkeit noch militärisches Gebot sein! Welche Notwendigkeit liegt also vor, und was für ein Gebot ist es, das hier Opfer fordert? Das war die Frage! Wir fesseln gegnerische Kräfte, wir helfen der übrigen Front; der Sinn unseres Opfers ist also außerhalb unseres eigenen Handlungsgebietes zu suchen,— so hatte sich noch gestern eine Antwort finden lassen, und so leicht antwortete es sich plõtz⸗ lich nicht mehr, denn die Frage war von weither da. Die Stunde war gekommen, der Kelch der Tränen war gefüllt und lief über. Da lagen die Opfer, und es waren nicht nur diese elf. Es war ein langes Band von Gesichtern, augenlos und braun und Lehm geworden. Und es waren nicht nur die Toten dieses Krieges, da waren die Toten noch eines Krieges, die nach dem Sinn ihres Opfers fragten. Da lagen sie und waren nicht in den Grund gebettete Quadersteine— diese nicht und auch die des ersten Weltkrieges nicht— auf denen der stolze Bau sich erheben wird, da lagen sie— verworfen. Da stand Latte, gläubig und bereit, sich auf dem nächsten Straßenkilometer eben- falls hinstrecken zu lassen. Da stand Tomas, der Sohn eines Postinspektors aus Königsberg , nicht gläubig und nicht ungläubig, doch gehorsam und ebenfalls bereit, auf Anruf in den Tod zu gehen. Da stand Oberfeldwebel Bauer, der nun schon die Verlustliste fast des ganzen Regiments ausgefüllt hat und die Verlustliste ebenso genau führt wie früher die Urlaubsliste. Da stand Oberleutnant Lindt, ein tüch- tiger und ergebener Offhzier. Da stand auch der andere, Oberleutnant Wedderkop, mit einer Nazierzichung von Anfang an, und schon als Kind hatte er die Lager- inschrift über sich:„WIR SIND GEBORENM UM ZU STERBEN“ Da stand auch jener junge Mann, der Arzt aus Otorwanowka, der seinen Blick nicht senkte, wenn man ihm begegnete. Eine Wachstuchschürze hatte er umgehabt, aufgekrem- pelte Armel und die Arme bis zu den Ellenbogen rot von Blut, so hatte er operiert, bis ihm das Dach über dem Kopf und dem Soldaten, den er da vor sich auf dem Tisch liegen hatte, zusammengebrochen war; und es ist doch wahr, nicht nur in Anbetracht solcher Pflichterfüllung hat man seine weitgehenden Fragen und Be- merkungen überhören wollen, und was Recht und Standrecht gewesen wäre, nicht in Anwendung gebracht; und war es schließlich nicht dieser Arzt, der die Frage aufgeworfen hat, vor der er, Vilshofen , in dieser Stunde stand! Was ist es also, was ist es also? Oberleutnant Wedderkop trat von einem Fuß auf den Oberfeldwebel Bauer betrachtete stumpfsinnig die nackten Füße seines ehemaligen Bataillonsführers
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