nant Latte, Feldwebel Bauer, der Arzt aus Otorwanowka, Sanitäter ebenfalls aus Otorwanowka und Soldaten standen herum. Etwas weiter standen die zu einer Wagen- burg zusammengefahrenen Schlitten und hockten in Zottigen Haufen die russischen Kriegsgefangenen. Das war der Umkreis, in dem Oberst Vilshofen sich fand, und es war der Ort und die Stunde, wo er aus einem wilden Traum erwachte, der nicht nur diese letzten dreißig Marschstunden, der dreißig Jahre gedauert hatte, von einem Krieg bis zum andern, und von einem Verdun an der Maas bis zum Verdun an der Wolga !
Vilshofen blickte sich um, und da war vieles unter dem grauen Himmel. Da waren nicht nur diese hingestreckten elf Leichname, da war am Rande nicht nur die rus- Sische Sklavenkolonne, da war nicht nur das Flackern der Salvengeschütze und das Aufopritzen von Geschossen im Dorf und auch ganz in der Näãhe. Da war er selbst— achtundvierzig Jahre alt— und ein von blutigen Erscheinungen und auch von un - blutigen und gewöhnlichen Geschehnissen beschriebener Spiegel, auf dem viele Schichten übereinander lagerten, und jetzt und hier begannen sie aufzuwallen. Die neuen Bilder, die da noch vor seinen Augen waren, wollten sich nicht so einfach wie die früheren aufnehmen lassen und untergehen und damit aus und vergessen sein; sie verlangten nach einer Erklärung, aber dann waren es nicht nur diese Gesichter, damit waren es viele Gesichte, die erklärt sein wollten.
Da lag Hedemann, ein Amtsrichter aus Mitteldeutschland , hatte eine Frau und erwachsene Töchter, in seinem Tagebuch waren sie allerdings, auch in Urlaubs- eintragungen, niemals erwähnt. Aber die Ankunfts- und Abfahrzeiten der Urlaube waren nach Stunde und Minute wiedergegeben, wie überhaupt Uhrzeiten und Orte und Haltezeiten und Haltepunkte in diesem Buche genau angegeben waren. Hede- mann war ein genauer Mensch, und die einzige Ungenauigkeit und das einzige Aben- teuer dieses pedantischen Lebens war der aus dem Vermögen der Frau getätigte ankauf eines kleinen Gutes in Lettland . Doch Hauptmann Hedemann wird niemals in Lettland seine Pension verzehren und wird niemals an der Druja sitzen, mit einer Angelrute in der Hand. Und da lag Hauptmann Run? und der war Oberstudien- rat gewesen und sein letzter Gedanke hatte seiner Frau gegolten, und eben war es noch, da hatte er gesagt:„Grüßen Herr Oberst bitte meine Frau, und sagen Herr Oberst ihr...“ Und damit aus, und was konnte er nun Frau Runz sagen, und was konnte er dem Vater des Soldaten Vogt sagen, der neben Run? lag? Was konnte er sagen— bei der Verteidigung eines Skythengrabes ist er gefallen! Was konnte er sagen,— ich habe ihm, als noch Zeit dafür gewesen wäre, den beantragten Urlaub abgelehnt, weil sein Sterben um drei Lehmhütten bei Otorwanowka wich- tiger schien als sein Leben auf dem Bauernhof bei Minden ! Da lagen Soldaten, die hießen Stade , Burstedt, Scharrenbroich, und auch sie waren Bauern oder Bauern- Söhne und hatten Väter oder Frauen und zu Hause liegengebliebene Arbeit, und auch sie würden dringend gebraucht. An einer Riegelstellung sind sie gefallen, bei der Verteidigung einer Straße, die an einem Ende sich in den Händen der Russen
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