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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Dieser Linie im Leeren strebten die Trümmer der an der Westfront geschlagenen Divisionen zu. Die 113. I. D. im Norden hatte nur eine Schwenkung durchzuführen und das Gesicht nach Westen zu kehren. Die 76. I. D. hatte schon zu marschieren. Die 44. I. D. hatte schon einen weiten Weg durch Schnee und Sterben zurückzulegen. Die Trümmer der 29. I. D.(mot) und der 3. I.D.(mot) und die Haufen der auf dem Papier weitergeführten 376. I. D. hatten schon einen zu weiten Weg, und es waren nur noch Flendshaufen, welche die Schneefelder erreichten, die auf den Stabskarten als Abschnitte der WiderstandslinieVeilchen galten.

Fünf᷑ deutsche DPivisionen flohen marschierten, in Ordnung, in Unordnung, ver- pflegt oder von der Verpflegung abgerissen, in Auflösung, auseinanderfallend, sich wieder sammelnd, nach Osten. Dmitrewka war überrannt worden. Karpowka, Nowo- Alexejewka, Baburkin und die Bunkerdörfer am Rossoschkafüßchen wurden von den Stäben in Panik geräumt.

Geöffnete Koffer, zusammengeballte Decken, Uniformstũcke, verstreute Akten. Not- schlachtungen, lebend verladene Schweine, nach Osten getriebene Kühe, aus Hof- toren herausschwankende hochbeladene Lastkraftwagen, Kübelwagen, Befehls- omnibusse, Ferngesprãche, Schrei nach Benzin, Sprit für Verpflegungslager, Be- kleidungslager, Verwundetensammelstelle, für den Stab.

Schneesturm.

28 Grad unter Null.

Den Stãben auf dem Fuß folgten die Versprengten von der Front. Und ob sie durch Karpowka, durch Nowo-Alexejewka kamen, oder durch Baburkin, überall bot sich ihnen dasselbe Bild. Umgeschmissene Kanonen, aufgegebene Panzer, quer auf der Straße stehende LKWs. Haufen Patronen, Bomben, Granaten. Wenn sie die Bunke betraten, fanden sie geöffnete Türen, sahen sie aufgebrochene Kisten, halbgepackte und dann zurückgelassene Koffer, Seife, Konserven, Talgkerzen, Schokolade, Lebkuchen, Knäckebrot, am Boden Dienstvorschriften, Führungsbücher. Die ver- dreckten Frontkerle machten große Augen, sie steckten sich das eine in den Mund, anderes in die Taschen, hörten die Kanonen der Verfolger, Stolperten die Treppen hoch und liefen weiter, wieder hinaus auf die verschneite Steppe. Sie folgten der von Räãdern, Raupenbändern, von LKW-Kolonnen und Schleppzügen durchfurchten Straße, welche die Stãbe gezogen waren, Richtung Pitomnik-Gumrak-Gorodischtsche Stalingrad. Das war die Richtung, in der das geschlagene Heer zog.

Aber noch einmal und noch auf᷑ dem Wege zur LinieVeilchen triumphierte die Ord- nung. An einer Stelle war es ein Kleiner pockennarbiger Leutnant, der Seine dahinstie- benden Leute um sich Sammelte, sich mit ihnen hinter einen Schneewall legte und sie aus den Vorrãten eines steckengebliebenen Verpflegungs-LKW fütterte und so lange Melder ausschickte und sein Regiment suchen ließ, bis er den Kommandeur und den Stab wieder gefunden hatte und wieder Befehle erhielt. Ein anderer war ein Flakkommandeur, der mit seinem Adjutanten(nachdem sie im Zusammenbrechen der Westfront ihren halben Bestand an Geschützen verloren hatten) nun in den

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