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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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früheren Panzerregiment angehört hatten, sondern auch die der Neuen im Kopf hatte. Der eine war Wilhelm Vogt, noch aus seinem Panzerregiment, ein Bauern- junge aus der Wesergegend bei Minden , dessen Alter zu Hause schon matt war und die Arbeit kaum noch schaffte, dem er aber vor einiger Zeit, als das noch möglich gewesen wäre, nichtsdestotrot? einen Arbeitsurlauh hatte ablehnen müssen. Fin anderer war de Wede, auch ein Bauer, aus der Heide bei Celle und bei ihm zu Hause wirtschaftet die Frau mit kriegsgefangenen Russen und Polen . Fin dritter war ein junger Angestellter aus Krefeld ; der vierte, Wilsdruff , war der Meister aus dem aufgelõsten Reparaturtrupp, ein Metallarbeiter aus Oberschlesien und Vater von fünf Kindern. Und Vogt, de Wede, der junge Angestellte, der Schlosser Wilsdruff᷑, alle vier waren von gleichem Ausschen, über den Bartstoppeln die gleichen abge- magerten Gesichter, die gleichen starren Augen.

Vilshofen zündete sich ebenfalls eine Zigarette an und rauchte sie hier an der Stelle,

während er sich mit den Soldaten unterhielt. Doch er machte ihnen keine Hoffnung

und sagte ihnen nichts, was er selbst Schon nicht mehr glaubte. Als der Bauer de Wede fragte:Kommt wohl der Hooth noch, Herr Oberstꝰ?, da erwiderte er:Es sieht nicht so aus, und wir stehen hier ganz auf uns SelbstDa kommt also unser junger

Ehemann noch lange nicht zu seiner Frau, und er hat sie doch noch nicht mal geschen!

Pas bezog sich auf den Angestellten aus Krefeld , der sich vor einiger Zeit hatte fern-

trauen lassen und dem bei dieser Gelegenheit ebenfalls ein VUrlaub abgelehnt worden

war. Vilshofen blickte ihn an und sagte:Sein Mißgeschick ist nicht größer als das jener Männer, die ihre Frauen schon lange kennen und sie nichtsdestoweniger eben- falls wiederschen wollen!

Vilshofen wandte sich an de Wede und an Wilsdruff :

Hand aufs Herz, de Wede, was würden Sie tun, wenn Sie in dieser Stunde tun

dürften, was Sie wollen?

Hier liegen bleiben und keinen Schritt weiter gehen, Herr Oberst!

Und Sie, Wilsdruffo

Wenn ich sagen darf, was ich denke, Herr Oberst?

Ja, Sie dürfen, Wilsdruff !

Da rüberlaufen und vielleicht das Leben retten, Herr Oberst! sagte Wilsdruff

und zeigte nach Westen ins Unbestimmte.

Das also würden Sie tun und die Russen?

Ich denke, das sind auch Menschen!

Vilshofen betrachtete das Gesicht des Soldaten gedankenvoll. Das let?te Mal hatte er es in jener Nacht bei Kletskaja vor Augen gehabt, und vieles war seither geschehen. Wenn Sie glauben, Wilsdruff , daß das ein Weg ist, so werde ich Sie nicht festhalten und auch nicht festhalten lassen; doch bin ich der Meinung, wenn das, was Sie sagen, zu geschehen hat, dann muß es in Erkennung der Lage von allen gemeinsam durchgeführt werden!

Es war noch vor Tag.

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