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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Der Kohlestift in der Hand Dammes bezeichnete keine zusammenhängende Linie, aber eine Anzahl Punkte auf der ausgebreiteten Karte. Die veilchenblauen Augen Vilshofens folgten der gedachten Linie. Das Kohlestück berührte noch etliche Punkte. Es handelte sich um fünf Skythengräber und drei vorgelagerte Hügel.Die Gräber und diesen nõrdlichsten Hügel müßten Sie allerdings mit übernehmen, Vilshofen ! Geht in Ordnung, werde den Hügel noch in dieser Nacht besetzen lassen! Der Hügel muß gehalten werden, mindestens bis die neuen Stellungen bezogen sind. Die 3. Gmot) geht aus der Nase zurück. Die neue Linie verläuft dann entlang der Straße und biegt hinüber nach Süden zur Bahnmlinie, etwa in Richtung Ata- mansk!

Vilshofen stand auf.

Der Hügel, Vilshofen ! gab Damme ihm mit auf den Weg. Damme wendete sich mit seinem La einem anderen Gegenstand zu. Es handelte sich um die Räumung und Rückwärtsverlegung der Verpflegungsstelle, einer Reparaturwerkstätte und einiger HV-Plätze. Der Ia übernahm wieder den Fernhörer mit den einlaufenden Meldungen der Front. Uber den zweiten Fernsprechapparat meldete sich die Machbar- division und unterrichtete Damme über eine Vertiefung des gegnerischen Ein- bruchs.

Oberst Vilshofen stieg währenddessen die Bunkertreppe hoch, nahm im Beiwagen eines Kraftrades Platz und stob über die vereiste Straße in die Nacht hinaus.

Der Bunker, den Vilshofen an der Straße nach Dmitrewka bezogen hatte, war kein Bunker. Es war der von einer Kollektivfarm mit Erdwällen umgebene und von einer Erddecke überdachte ehemalige Vorratskeller zur Aufbewahrung von Kartoffeln, von Wassermelonen und dergleichen und lag direkt an der Straße. Acht Stufen führten hinunter, und das Schleifen von Raupenbändern, das Knarren von Wagen- rãdern, von Tritten marschierender Abteilungen, der nach hinten abziehenden Rückwärtigen Dienste, der nach vorn geworfenen Auffüllungen für die Truppe war unten zu hören; und wenn die schwere Tür aufging und eine weiße Dunstwolke hereinschlug und sich aus dem Dunst die Gestalt eines Majors, eines Hauptmanns, irgendeines Frontoffiers herausschälte, war für Momente auch der penetrante Geruch von Schweiß, von Blut, von ungewaschenen Leibern, von Sterben da. Also, meine Herren...

Oberst Vilshofen stand auf, auch die drei Herren. Er hatte auf einem Krautfaß ge- sessen, die anderen drei ein Hauptmann, ein Oberleutnant, ein Feldwebel vor ihm aut einem Futtertrog. Oberst Vilshofen verabschiedete sich von den drei Männern durch Handschlag.

Möge Gott Sie behüten!

Dieses Wort, an alle drei gerichtet, hatte sich Vilshofen , ohne daß er gewußt hätte, woher es ihum plõtzlich gekommen war, über die Lippen gedrängt. Die drei Männer schienen es der Stunde für angemessen zu erachten, kein Blick verriet Erstaunen. Sie streiften ihre Kopfschützer über, schlugen sich die Kragen hoch, zogen ihre

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