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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Dieses stumpfsinnige Vich!Und erzählt uns, er hat nur Kopfweh! Matürlich stumpfsinnig, nicht mal seine Schnitte Brot wollte er fressen!Kopf- weh und Frieren und Hitze, und jetzt ist es sowas!

So redeten sie durcheinander, es war hilfloses Stammeln. Da war sie, die Krank- heit der belagerten Städte, der geschlagenen Armeen, der ausgesogenen Länder, und sie wußten nicht, was tun. Es war einige Minuten vor r0 Uhr. Erdig grau war das Licht, das in den Bunker einfiel, und erdgrau waren die Gesichter der Soldaten, die die Pritsche des Unteroffuziers umstanden.

Aber was soll geschehen?

Er muß sofort weg Sanitäter.

Aber wo war der Sanitäter, der ihn sofort weggebracht hätte, und wohin hätte er ihn bringen sollen? nach Otorwanowka etwa, wo schon seit Tagen kein Platz für den Unteroffizier Maulhard mit dem Gesäßschuß war oder nach dem Flugplatz Pitomnik etwa zum Ausfliegen oder nach dem Hauptfeldlazarett Gumrak, wo die Kranken bis auf die Straße hinaus lagen und wo sie unter Leinwandzelten um- kamen?

Dieses stumpfsinnige Vich! sagte der Obergefreite Rieß wieder:Vollständig blõdsinnig, und er hat selbst schuld, er hätte auch das ungekochte Schneewasser nicht saufen sollen, das ist streng verboten!

Quatsch nicht dämlich, weg muß er, was soll werden?

Der Obergefreite Rieß, früher SS -Mann und vor einem Jahr bei einer SS -Lager- wache im Generalgouvernement Polen, kannte das Radikalmittel gegen Typhus : eine Kugel hinter die Ohren und vierzehn Fuß tief unter die Erde und Kalk rüber! Meldung machen und dann isolieren wir ihn erst mal, sagte er,Wir legen ihn vorläufig raus in den Schnee!

Aber auch Unteroffizier Urbas früher Unteroffizier beim Troß und aus dem Suwalkizipfel bis in die Gegend von Moskau und vom Dnjestr über Kiew und Charkow und Rostow und Kalatsch bis in die Don- und Wolgasteppen hinein hatte er viel geschen kannte gewisse Methoden und Praktiken. Er hatte niemals gedacht, daß er selbst Objekt solcher an kranken Lagerinsassen und an kranker Zivilbevöl- kerung geübter Vernichtungsmethoden werden könnte, und es ist auch nicht gewiß, was und wieviel er von den Worten, die um ihn gewechselt worden waren, ver- standen hatte; doch als er sich plõtzlich aufrichtete und wie am Abend vorher seine Beine über den Pritschenrand hängte und seine Augen aufriß und den grauen Brei von Gesichtern, die auf ihn gerichtet waren, erblickte, da verstand er vieles und da hörte er, den das Fieber schüttelte, dem der Kopf brauste und dessen Ohren fast taub waren, was gedacht wurde. Er hörte und sah er hörte den hinterhältigen Ton in den Worten des Rieß und sah die Erbärmlichkeit in den Gesichtern der anderen und die in ihren Augen lauernde Angst.

Menschenskind, Urbas! rief Rieß ihm zu, und dieser Anruf bei seinem Mamen hatte ihm noch gefehlt, um ihn an sich selbst zu erinnern und ihm so etwas wie

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