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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Oberst Lundt ließ ihnen Binden vor die Augen legen, führte sie zu seinem Wagen und fuhr mit ihnen in seinen Regimentsstab. Hier rief er das Armechauptquartier an und Sprach mit dem Chef des Generalstabs der Armee und mit dem Oberbefehls- haber. Danach bat er die russischen Offiziere, ihm das Dokument zur Weiterbeförde- rung zu überreichen und sich bis zu seiner Rückkehr als seine Gãste zu betrachten. Oberst Lundt bestieg seinen Wagen, fuhr nach dem Flugplatz Pitomnik und weiter auf der Straße nach Gumrak zu den Bunkern eines am Ende des Flugfeldes gelegenen ehemaligen russischen Flakgefechtsstandes, in denen das Armeeoberkommando sein Quartier bezogen hatte.

Das Dokument, das dem Oberbefehlshaber vorgelegt wurde, lautete:

An den Oberbefehlshaber der 6. deutschen Armee, Generaloberst Paulus oder seinen Stellvertreter und an den gesamten Offiziers- und Mannschaftsbestand der eingekesselten deutschen Truppen vor Stalingrad .

Die deutsche 6. Armee, die Verbände der 4. Panzerarmee und die ihnen Zwecks Verstärkung zugeteilten Truppeneinheiten sind seit dem 23. November 1942 voll- Ständig eingeschlossen.

Die Truppen der Roten Armee haben diese deutsche Heeresgruppe in einen festen Ring eingeschlossen. Alle Hoffnung auf Rettung Ihrer Truppen durch eine Offen- sive des deutschen Heeres vom Süden und Südwesten hat sich nicht erfüllt; die Ihnen zu Hilfe eilenden deutschen Truppen wurden von der Roten Armee ge- schlagen, und die Reste dieser Truppen weichen nach Rostow zurück.

Die deutsche Transport-Luftflotte, die Ihnen eine Hungerration an Lebensmitteln, Munition und Treibstoff zustellte, ist durch den erfolgreichen und raschen Vor- marsch der Roten Armee gezwungen worden, oft die Flugplätze zu wechseln und aus großer Entfernung den Bereich der eingekesselten Truppen anzufliegen. Hinzu kommt noch, daß die deutsche Transport-Luftflotte durch die russische Luft- flotte Riesenverluste an Flugzeugen und Besatzungen erleidet. Ihre Hilfe für die eingekesselten Truppen wird irreal.

Die Lage Ihrer eingekesselten Truppen ist schwer, sie leiden unter Hunger, Krank- heiten und Kälte. Der grimmige russische Winter hat kaum erst begonnen. Starke Fröste, kalte Winde und Schneestürme stehen noch bevor, Ihre Soldaten aber sind nicht mit Winterkleidung versorgt und befinden sich in schweren sanitätswidrigen Verhãltnissen.

Sie, als Befehlshaber, und alle Offiziere der eingekesselten Truppen verstehen ausgezeichnet, daß Sie über keine realen Möglichkeiten verfügen, den Einschlie- Bungsring zu durchbrechen. Ihre Lage ist hoffnungslos und weiterer Widerstand Sinnlos.

In den Verhältnissen einer aussichtslosen Lage, wie sie sich für Sie herausgebildet hat, schlagen wir Ihnen zur Vermeidung unnötigen Blutvergießens vor, folgende Kapitulationsbedingungen anzunehmen: 1. Alle eingekesselten deutschen Truppen

Stalingrad 65