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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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aber weder wurde der Ring von außen aufgesprengt, noch wurde er von innen ge- öffnet. In den Unterständen flackerten andere Hoffnungen und neue Gerüchte auf. China hätte England und Amerika den Krieg erklärt, die Türkei und Spanien eben- falls, und das würde die gesamte Weltlage verändern und auch die eigene Rettung bringen, wurde gesagt. Aber Mansteins Panzer waren geschlagen. China war weit weg, von der Türkei und Spanien redete niemand mehr.

Die einfliegendenJunkers kamen Spärlicher, der Weg, den sie zurückzulegen hatten, wurde weiter. Sie wurden im Anfliegen zu Dutzenden und im Ausfliegen Zu Dutzenden abgeschossen. Und da lag auf der Steppe zwischen Don und Donez ein abgestürztes Flugzeug mit Postsäcken aus dem Stalingrader Kessel , und was in den Briefen geschrieben stand, war ein einziger Schrei.

Liebe Karoline ! Gesundheitlich geht es halbwegs. Mache halt mit, bis es nicht mehr geht. Bin hier in der verdammtesten Gegend. Wie es werden soll, sicht man überhaupt nicht. Wie viele sind hier schon angerannt und wie viele werden noch anrennen. Solches Elend, heulen könnte manLieber Herbert! Es war ein Schwarzer Tag für uns. Die 10. ist aufgelõst, augenblicklich geht es schwer rund bei uns: Gefallen Georg Hartung, Otto Gnüssel, Gesich, Wahler, Dusch, Ober- leutnant Hey, verwundet ungefäãhr 40 Mann. Ich kann nicht mehr schreiben, da es furchtbar schießt, will doch lieber meinen Bunker aufsuchen...Liebe Mutter und Vater! Es gehen sehr harte Kämpfe, wir haben sehr schwere Verluste, diæ Fried- höfe werden von Tag zu Tag größer. Hunderte werden hier begraben. Sie werden in Häufchen zusammengelesen. Hände ab, Beine weg, Körper abgerissen, so geht es hier zu..Liebe Eltern und Geschwister! Stalingrad bringt Kranke und Tote von sich. Meine Kompanie kann keinen Angriff mehr machen, wir sind noch 20 Mann..Liebe Schwester! Seit dem ro. Mai dauernd im Binsatz, da sind von uns nicht mehr viel da. Was ich für eine Sehnsucht nach meinen Kleinen habe, kann sich keiner vorstellen...Liebe Eltern! Hier ist die Hölle, die Kompanie ist kaum noch 30 Mann stark. Die besten Kameraden, so was haben wir noch nicht erlebt, es ist furchtbar...Liebe Frau! Ich habe keine Lust, zu nichts, auch nicht zum Schreiben. Habe hohes Fieber, es ist schr kalt. Essen kann ich schon acht Tage nichts, nur Pillen nehmen und abwarten. Habe überhaupt nichts als Haut und Knochen...Meine liebe Ilse! Alle vier Stunden auf Wache ziehen. Der Schlaf dazwischen ist nicht viel. Was uns keine Ruhe läßt, sind die Läuse. Wird ein bißchen geheizt, sofort macht es sich mit den Viechern bemerkbar. Da wird sich auf der Pritsche hin und her geworfen. Der Körper ist so gereizt, daß man hineingreifen mag. Zu allem die Verpflegung an Pferdefleisch, die nicht ein Gramm Fett enm- hält.Meine liebe Friedel! Mein Bein, das tut so weh, am besten ist es, wenn ich liege. Jeden Tag bekomme ich eine Spritze. Wenn nur nicht so viel neue Ge- Schwüre dazukommen. Was einem der Arzt schon hilft, das ist für die Katze. Wenn man sich nicht selbst helfen kann, ist man verloren!Meine Lieben! Wir führen hier einen Bunkerkampf, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

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