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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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halb entvõlkerte Dörfer, der Willkür der Gestapo ausgelieferte Stadtbevölkerungen: ein ganzes niedergetretenes Land war rechts und links und hinter den Kolonnen geblieben, und das aus tausend Bränden schwelende und aus tausend Wunden blu- tende Stalingrad stand am Ende aller Wege, und das besiegte Stalingrad sollte jede Untat sühmen, jedes Verbrechen lõschen, sollte aus krumm grade und aus Unrecht Recht machen. Daß ein besiegtes Stalingrad das Verbrechen nur weiterschleppen und das Unrecht zu einer Institution erheben und die Unrechtträger selbst in lebens- längliche Gendarme und Aufpasser verwandeln und dem Volk von Sklavenhaltern nichts als moralischen Verfall und den Untergang bringen könnte, wenn dieser Gedanke, und es kann nicht anders sein, manchmal in einigen und manchmal in vielen Kõpfen gewesen ist, einen Ausdruck hat er in der Armee von 330 o00 Mann nicht gefunden.

Das in Trümmer und Schutthalden hingesunkene und sich täglich erneuernde und kämpfende und Tod speiende und Wunden schlagende Stalingrad war ihnen allen Jungen, Alten, Bauern, Städtern, Tollkühnen un1 Zaghaften, Maroden und Siechen- den und Sterbenden verheißen worden wie die Erlösung von allen Schmerzen, und es war ihmen von ihrer obersten Führung und von ihrem Führer wieder versprochen worden, als es schon für immer verloren war!

Die Tür war zugeschlagen worden!

Kalatsch am Don war der Punkt gewesen, wo der Ring sich geschlossen hatte, und der Ring z0g sich fester zusammen, während die abgespaltene deutsche Front mit jedem Tag und jeder Woche weiter nach Westen zurückfiel. Die deutsche Armee- gruppierung im Raume Stalingrads , einmal durch die hbei Kalatsch über den Don verlaufende Heerstraße und durch Fisenbahnen gespeist und in Form eines Huf- eisens, die beiden offenen Enden an die Wolga angelehnt, die große Stadt umklam- mernd, war von ihren Verbindungen abgerissen, selbst in die Klammer genommen, und mit Städten und Pörfern und abgehackten Fisenbahnsträngen und ins Nichts auslaufenden Landstraßen zeigte das noch immer umspannte weite Gelände jetzt die Form eines menschlichen Herzens, und es war ein aus seinem Organismus her- ausgerissenes und in wilden Schlägen pochendes Herz.

Ihr müßt kämpfen bis zur letzten Patrone! hatte derFührer seinen Soldaten zugerufen und hunderte Male wurden sie in den Angriff geschickt, um der Flut zu widerstehen und das weitere Abbröckeln ihrer Insel zu verhindern.Haltet aus, ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, euch herauszuhauen! hatte ihr Führer ihnen zugerufen, und sie hielten aus. Zuerst aßen sie die rumänische Kaval- lerie auf, dann den Pferdebestand der eigenen Artillerie und der eigenen Fuhrparks; zuerst erhielten sie zu vier Mann, dann zu sieben Mann ein Brot, dann erhielt jeder Mann 200 Gramm, das ist eine Scheibe von Fingerdicke täglich. Sie hielten aus und glaubten dem Führerwort und hofften auf Entsatz.

Sie hofften auf die anmarschierende große Panzerarmee des Generals Hooth, dann warfen sich aller Hoffnungen auf eine Truppenbewegung im Innern des Kessels;

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