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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Und sie hatten Worte dafür und bestimmte Vorstellungen davon, denn sie waren keine vorstellungslosen Wesen. Der sterbende Ottakringer hatte sich deutlich dar- über ausgesprochen und ein bescheidenes Häusle, ein Kaffee- und Gasthaus etwa für Fuhrleute und Schiffer mit Ausblick auf die Wolga und einem ewigenTischlein- deck Dich, auf dem Gansbraten und Gulasch und Backhendel und Gselchtes mit Knõdeln und Krapfen, Strudel und Guglhupf kein Ende mehr nehmen würden, wollte er erobern. Ein Sudetendeutscher, der Sohn eines Spediteurs aus Bernsdorf, der zu Hause den großen Dreiachser seines Vaters gefahren hatte, träumte mit knur- rendem Magen und mit Frostbeulen an Händen und Füßen einen wilden Traum von einer großen Uberlandspedition, von der Wolga bis zum Dnjepr . Ein Landsmann von ilum, ein Klempner aus Parsenitz, warbescheidener und wollte die Stroh- dãcher zwischen Don und Wolga abschaffen und, mit hundert bis hundertzwanzig Gesellen etwa, einen Dachdeckerbetrieb aufmachen. Ein großer, rothaariger Unter- offizier, Erich Urbas aus Leipzig ſeiner von denen, die in die neue Stellung gelangt waren), hatte dem allgemeinen Schweifen einen besonderen Ausdruck gegeben, als er, noch Unteroffizier beim Troß, die Donbrücke überquerte, und der dort auf einer Tafel angebrachten AnschriftKalatsch am Pon mit Pinsel und Farbe hinzufügte: 3200 Kilometer bis Leipzig . Ein sonderbarer Triumph, und wenn der wahren Entfernung an tausend Kilometer Zugelegt waren, so war es ein nur um so echterer Ausdruck für das sinnlose Schweifen ins Maßlose. Der marode Hohengüstrower indessen hatte nicht den Drang in die Ferne; er seinerseits aber hoffte, daß nach demSieg viele Mecklenburger die Ukraine und Donsteppe besiedeln und er sich dann in Hohengüstrow ausdehnen würde, wo es ihm an ukrainischen und donischen und wolgaländischen Arbeitskräften niemals mehr mangeln würde.

Sie hatten Worte für ihren Wahnwitz, und die wurden ihnen durch den Rundfunk und von der Frontzeitung und in Kompaniebelchrungen fertig in den Mund gelegt. Und Worte und Wünsche und Begierden, alle Wege ihres Denkens führten nach Stalingrad , dem sie geit dem Frühjahr des gleichen Jahres entgegenmarschiert waren, und auch die vielen ohne eigenen Antrieb und nur vom Mechanismus der Macht Mitgerissenen erlagen der gleichen Besessenheit.

Stalingrad war der Preis für Sterben und Krankheit, für Verstũmmelung und Hunger und Strapazen und Schwären, und es bedeutete die Vergebung aller Sünden. Haufen russischer Flüchtlinge, Greise und Frauen und Mütter mit Brustkindern, zu Hunderten bei scharfem Ostwind bei 20, bei 30 Grad Kälte an der Bahn liegend und auf Züge lauernd, die niemals mehr fahren würden; hinter Stacheldraht ver- faulende russische Zivil- und Kriegsgefangene, denen nichts als die Darmgeschlinge verendeter Pferde zum Fraß vorgeworfen wurden; in eine Schlucht von Soldaten verschleppte Frauen, dort Strümpfe Stopfend und Wasser tragend und Wäsche waschend und genõtigt, mit den Soldaten das Lager zu teilen; eine Zivilbevõlkerung, gepreßt zum Straßen- und Befestigungsbau, zum Ausheben von Gräbern, in Massen Zusammengetrieben und waggonweise nach Peutschland in die Sklaverei verschleppt,

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