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offizier Gnotke zögerte einen Moment, als wollte er noch etwas sagen, dann wandte er sich von dem mit Mütze, Mantel und Stiefeln Daliegenden ab. Er knöpfte seinen Mantel zu, hüllte sich Kopf, Ohren und Hals ein und verließ den Bunker.
Eine Stunde hatte Gnotke Posten zu stehen.
Zwei Stunden im Bunker, eine Stunde vorn im Graben, Soweit war das Leben wieder normal geworden, und so war jetzt die Wacheinteilung, und Unteroffiziere standen auch mit. Gnotke hatte Spiegel und Schulterstücke wieder und hatte sie sogar an- nähen müssen. Das war indessen nicht so bedeutungsvoll. Er lief zerlumpt herum wie die andern, auch die Füße hatte er mit Lumpen umwickelt wie die andern. Da machte eine Litze am Kragenaufschlag nicht so viel aus und der Dienst war für Unteroffiiere der gleiche wie für Mannschaften.
Weihnachten war nun lange vorbei, auch der für ein Ausbruchunternehmen nach Westen festgelegte Termin war vorbeigegangen, ohne daß etwas geschehen wäre. In der Weihnachsnacht hatten sie ihre Schneelöcher verlassen und waren näher an den Hang herangezogen; und hier hatten sie einen angelegten Graben und dahinter einen Bunker gefunden, einen ehemaligen russischen Bunker, der Später von Soldaten Rückwärtiger Dienste weiter ausgebaut worden war. Und weil der Georg Ketteler nach Otorwanowka abgewandert war und weil der Ottakringer und der aus Oster- miething und der aus Billerbeck und der aus Hohengüstrow und noch andere weiter westlich im Schnee begraben worden waren, deshalb war es hier im Bunker auch rãumlich genug und war Platz für alle, anders als in dem in den letꝰten Tagen neben den Schneelõchern fertig gewordenen Erdloch, wo immer nur Platz für wenige und nur für einen stundenweisen Aufenthalt gewesen war.
Es war Januar geworden und der eisgraue Dunst kam jetzt von Osten, von der Wolga her; und wenn der Wind sein Spiel mit den grauen Wolkenfetzen aufgab und sich flach an die Erde legte, dann kam er nicht nur aus Osten, dann kam er von allen Seiten und fegte den Steppenboden blank und trieb körnig gefrorenen Schnee ins Gesicht. Und so war es an diesem Tage, der Boden war bloßgefegt und grau von Frost. Aller Schnee, der gelegen hatte, war in der Luft und z0g in schnurgerader Bahm vorbei. Und im Schneetreiben hing ein matter weißer Ball,— der einzige sicht- bare feste Punkt in der unaufhaltsamen strõmenden Bewegung, das war die Sonne. Neben Gnotke tauchte ein Gesicht auf. Bläuliche Lippen, eine große Nase, über der Mase zwei Brillengläser, der Posten vom anderen Ende des Grabens.
„Ach, ein Hunger, die Suppe heute wieder...“
Gnotke suchte die Augen hinter den Brillengläsern. Und an den Augen sah er, was kommen mußte und daß es unabänderlich war; wenn nicht in dieser Stunde, würde es in der nãchsten geschehen. Der vor ihm mit krumm zusammengezogenen Schultern stand, war einmal Zeichenlehrer und wird niemals mehr Zeichenlehrer sein. „Ich habe die Erbsen in der Suppe gezählt, vierzehn Stück, das andere reines Wasser. Haben sie denn keine Pferde mehr?“
Gnotke blickte ihm gerade in die Augen.


