Bäumler streckte sich nachher auf seiner Pritsche aus. Huth machte noch einen Gang durch die kalte Winternacht— vorbei am Aufnahme- und Operationshaus, wo die halbe Sanitätskompanie auf Krankentragen oder am Boden schlief, während die andere Hälfte Wache hatte, vorbei an den Hütten, die jetzt in völliger Finsternis dalagen und in denen auch kein Hindenburglicht mehr brannte. Am Fahrpark der Kompanie kam er vorbei, einige Schlitten standen da und ein Trupp kleiner zottiger Pferde, die Köpfe aneinandergedrängt, ein grauer Haufen im Schnee, nur der aus den Nüstern fahrende weiße Dunst verriet, daß Leben in lem eisverkrusteten Haufen war. Huth kehrte in den Bunker zurück. Er legte sich ebenfalls hin. Was ging das mich an, ich hatte ja die Gabe! Paran dachte er, als er einschlief. Das Land war wieder so wie es einmal aus den Händen der Mat gekommen war und wie Feuer und Wasser und Bis es gestaltet haben,— im Westen der Don, im Osten die Wolga , im Süden die Karpowka; parallel dem DPon verlaufend und zum Rossoschkaflüßchen abfallend die Rossoschkahöhe, im Süden eine flache Boden- erhebung parallel der Karpowka verlaufend und zum Karpowkatal abfallend, im Osten, die Wolga flankierend, ebenfalls hügeliges Gelände, und dazwischen wie ein blanker Teller, von wenigen Schluchten und Erdrissen durchogen, die von Schneestürmen gepeitschte Steppe. Der im Osten an das Wolgaknie und an die Ruinen Stalingrads angelehnte und von Schnee überfegte weite Teller war das Schlachtfeld, und zuerst an seinen Rändern von den Divisionen gehalten, wurde er zum Schicksalsraum der 6. deutschen Armee. Das Land war wüst. Die Spuren des Menschen, der hier gewohmt und sich hier eingerichtet hatte, waren verwischt. Straßen waren keine Straßen und Eisenbahnlinien waren keine Fisenbahn- linien mehr. Die Dörfer und die Rinder- und Schaffarmen waren zerbombt und von Artillerie zerstõrt, und es waren nur noch Trümmer da, und die Trümmer waren von den Einwolmern verlassen worden. Der an Stelle der Einwohner hierhergekommen war, der deutsche Soldat, fand kein Obdach vor. Die Stäbe hausten in Bunkern zwischen den Ruinen der Steppen- dörfer, und der Soldat lag vorn in Erdhöhlen, oft nur in Schneelöchern, manchmal unter dem leeren Himmel; noch niemals aber war der Mensch in so großen Massen wie in diesen Tagen zwischen Don und Wolga aufgetreten und noch niemals war das Sterben hier so massenhaft gewesen. In einem Erdbunker an einem Hang der Rossoschkahöhen war es. Ein frostgraues Gesicht neigte sich über ein ebensolches von mörderischer Kälte benagtes Gesicht. „Matthias, döst du?“ „Ja, August!“ Der eine lag auf einer Pritsche, der andere stand davor. Der auf der Pritsche lag und die Bunkerdecke anstarrte, war Matthias Gimpf. Der vor ihm stand und eine Handvoll alter Fetzen auf die Pritsche niederlegte, war August Gnotke. Umer-
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