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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Stalingrad wird gerufen Hier Charkow.. hier Stalingrad! Meine Hörerinnen und Hörer! Hier spricht Stalingrad ! Wir befinden uns hier am Ufer der Wolga . Vor uns breitet sich das von Schnee überzogene silbergraue Band des mächtigen Stromes aus. Hier stehen die Männer von Stalingrad , die deutsche Wacht an der Wolga . Das Trommeln, das Sie soeben hören, ist ein Feuer- stoß aus dem gegenüberliegenden russischen Graben. Die Russen haben etwas vor, sie wollen das Weihmachtsfest stören. Aber da ist schon der Leutnant. Fine prächtige, eine typische Erscheinung unserer herrlichen Wehrmacht. Auf dem Kopf den Stahlhelm, am Riemen Handgranaten. Noch eben haben seine Augen unten in dem gemütlichen Bunker in den Glanz des Lichterbaumes geblickt. Jetzt bohren sie sich in die schneedurchheulte feindliche Winternacht ein. Der Leutnant wendet sich kurz an seine Leute, er kommandiert: Kinnriemen fest! Aber das muß man schen, den Leutnant und seine Männer, diese markigen deutschen Gesichter und die Veränderung, welche die Gesichter in diesem Augenblick durchmachen. Die Straffung des Helmriemens ist von eigenartiger Wir- kung. Hierdurch geschieht nämlich, daß man mit dem Helm sozusagen körperlich erwächst, daß man sozusagen.. Stabsarzt Bäumler stöhnte. Was ist los, Bäumler? Da spricht doch nicht Stalingrad!Nein, ganz sicher nicht, vielleicht ist es Charkow , vielleicht auch das Funkhaus Berlin , jedenfalls ist es Schwindel! Und Huth wußte, wie so etwas gemacht wird. Wie hinter manches, hatte er auch da etwas hinter die Kulissen geblickt. Die Sendung tönte weiter. Der Mann in Charkow oder in Berlin oder wo immer er sich befand, hatte es noch immer mit dem Kinnriemen zu tun:.. auch das Innere bereitet sich vor, spannt sich Sie müssen die Männer schen, meine Höre- rinnen duckt sich in den Sprung hinein. Und wessen Mut auch nachlassen möchte, dem hält von außen her der Kinnriemen die Kiefer hart... Willst du weiterhören, Bäumler? Nein, es langt. Stell ab! Aber Huth stellte nicht ab. Er kannte die Sendezeiten verschiedener Stationen. Er rehte an den Stellknöpfen, stellte eine andere Welle ein, und da war dann, eben- falls in deutscher Sprache, ein Bericht über große deutsche Panzerverluste bei Kotelni- kowo(es handelte sich da um Hooths Panzer), über die Kämpfe bei Morosowskaja, Tazinskaja, Millerowo(mein Gott, Millerowo, wo verläuft denn da die Front?), über die Finschließung deutscher Kräfte bei Velikije Lucki... Willst du weiterhören, Bäumler? Ja, Weiterhören! erwiderte Bäumler finster. Und von diesem Tage an hörten beide, wenn sie allein in ihrem Bunker saßen, auch den russischen Kriegsbericht und auch Sendungen aus London .

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