abends mit einer Partie Domino ausknobelten, wer morgens zuerst aufzustehen und hinunter zu gehen hatte, um das Frühstück einzuholen. Das waren Zeiten, und wenn Hitler nicht gekommen wäre und die Juden aus den Hörsälen und den Kliniken rausgeschmissen hätte, und man im Fxamen(da Arzte dringend gebraucht wurden schlechtweg nicht mehr durchfallen konnte, hätte er vielleicht bis heute sein Physi- kum noch immer nicht gemacht, und, falls der Wechsel von zu Hause noch immer einliefe, hätte es immer so weiter gehen können.
Das waren Zeiten, und der stud. med. Viktor Huth hatte sich nicht nur für Medizin, Sondern gleichzeitig für vicles andere interessiert; und auch da nicht nur für Literatur, Malerei, Musik, Politik, Sport, sondern ebenso und ganz persönlich(und er suchte sie auf, im Café, am Arbeitstisch, am Sandsack, im Atelier, oder wo er sie antrat) für die ausũbenden Literaten, Maler, Musiker, Sportsleute, Politiker, und unter den Po- litikern interessierte er sich ebenso für die Linken wie für die Rechtsgerichteten, wie für die Nazis, und allen versuchte er auf den Grund ihres Wesens und auf ihre Bedeutung für das Ganze zu kommen. Und so war es kein Wunder, wenn der leben- dige, Sprechende, handelnde, leidende, in Intrigen und Affären verstrickte Mensch mehr von seiner Zeit in Anspruch nahm, als der in der Anatomie auf einem Brett ausgestreckte Leichnam eines Selbstmörders, und daß die Semester viel zu kurz waren, um auf allen diesen Gebieten auch nur zu einem rechten Anfang kommen zu können. Nun, schließlich war Hitler gekommen, und in zusätzlicher Beachtung seiner Kenntnisse im Box- und Turnsport hatte er sein Physikum bestanden. Ein Jahr hatte er in der Wehrmacht abgemacht und nachher Gur großen Erleichterung seiner Familie) auch die Klinischen Semester durchlaufen. Lucia hatte er(und darin hatte er nicht den Erwartungen und den An- und Absichten seiner Familie ent- sprochen) nicht abgeschafft, sondern er war weiter mit ihr zusammengeblieben. Eine Zeitlang war er Assistenzarzt in einem großen Berliner Krankenhaus, und danm War der Krieg gekommen. Und jetzt, ja... Schnee, ein Panjeschlitten, ein langsam ausschreitendes Pferdchen mit einem Fell wie ein Schäferhund vorgespannt, und er darauf sitzend, jetzt befand er sich auf dem Wege nach Otorwanowka.
Es wurde Abend, bis die Kolonne nach Dmitrewka kam.
Eine sich lang hinziehende Straße, viele Lücken, viele Häuser abgetragen, andre ohne Ställe, ohne Zäune, die Veranden weggerissen, viele Behausungen ohne Pach. Es ging noch ein Stück weiter, über freies Feld weg, und es war schon völlig dunkel, als Sie an Ort und Stelle eintrafen. An der einen Seite fünf Holzhäuser, an der anderen Seite drei Lehmhütten, das war Otorwanowka, wo der Hauptverbandplatz einge- richtet werden sollte.
„Einen Hauptverbandplatz einrichten!“ lautete der Befehl.
Die Verwundeten aus Wertjatschi, Peskowatka, von der im Entstehen begriffenen neuen Front am Don sollten hier aufgenommen und versorgt werden. Von„Ein- richten“ konnte indessen kaum die Rede sein, denn es war sofort mit der Arheit, mit dem Aufarbeiten der Menge, die sich bereits eingefunden hatte, zu beginnen.
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