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„Aber sagen Sie mir, weshalb werden diese Leute da, die Schwerverwundeten, nicht sofort ausgeflogen?“
„Armeebefchl: nur sitzfähige Verwundete werden ausgeflogen!“
„Und die anderen?“
Der Ar?t antwortete darauf nicht. Er blickte den General nur an, und der verstand auch so, und er beschloß, Schneller den Divisionsstab aufzusuchen und nicht mehr nach Pingen zu fragen, die ihn nichts angehen und die nicht sein Ressort sind. Als er bald danach eine Anzahl Frauen vor sich hatte, blieb er wieder stehen. Deutsche Frauen waren es— muten an wie ein Trupp Schwalben im Schneegestöber, dachte er— ganz junge Gesichter darunter, alle Zerzaust, alle erschõpft, wie aus dem Wasser gezogen; sie trugen die Tracht der Rote-Kreuz-Schwestern.
„Kann ich mit etwas dienen, meine Damen — wo wollen Sie hin, wo kommen Sie her?“ Sie wollten nach dem Flugplatz Pitomnik und kamen aus Kalatsch. Von dort waren sie geflüchtet, als russische Panzer schon durch die Straßen rollten. Ihr LKW war unterwegs ohne Sprit liegengeblieben. Und da waren sie jetzt, zu Fuß, in ihrer blau- weiß gestreiften Tracht, ohne Mäntel, durchfroren und müde. Damme blickte sich ratsuchend nach seinem Pfarrer um, doch der war vor dem Feldlazarett zurück- geblieben; so nahm er die Damen mit zum Stab der Infanteriedivision.
Das Stabsquartier dieser mit der Front nach Nordosten gerichteten Pivision glich an diesem Tage(mit der Menge der anrollenden und wieder abfahrenden Wagen und der Invasion fremder Offaiere von einem halben Dutzend angeschlagener Divi- sionen, die über die Brücken herüber kamen und das Land überfluteten) mehr als allem anderen den Abteilungen eines Irrenhauses, der Kommandeur und die Offi- ziere seines Führungsstabes behaupteten das jedenfalls. Im Zimmer des Divisions- kommandeurs, des General Geest, hatten sich eine Anzahl Kommandeure und höherer Offhziere von jenseits des Don breitgemacht. General Gönnern war da, auch Gencral Damme; auch der Artillerieführer Vennekohl war hier eingekehrt. Diese Herren brauchten alle irgendwelche Hilfe, brauchten Fernspreckverbindungen zu ihrem Korps(die konnten in den meisten Fällen, da die Korps sich ebenfalls auf dem Wege befanden, nicht hergestellt werden), brauchten Verbindungen zur Armee(die konnten, da der neue Sitz des Armechauptquartiers noch nicht be- kannt war, ebenfalls nicht hergestellt werden). Sie brauchten V erpflegung, ärztliche Betreuung für ihre Verwundeten, Unterkunft, Sprit für die Fahrzeuge; sie brauchten nicht mehr als alles, und nicht mehr als alles mußte ihnen abgelehnt werden. Ver- pflegung hatte die Pivision selbst nur für zchn Tage in ihren Lagern, und die Sprit- vorräte waren noch geringer; und was die Hilfe für die Verwundeten anbelangte, 80 war das Feldlazarett und der Hauptverbandplatz bis auf den Hof hinaus über- füllt. Und Quartiere konnten nur in wenigen Fällen und nur für die Stãbe und zwar nur in grõßter Beschränkung beschafft werden. General Vennekohl wurde mit Stab in der ðstlich der Stadt gelegenen Schweinefarm untergebracht. Für General Gönnern und Stab wurden zwei Zimmer der Verwaltung des Kriegsgefangenenlagers und
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