Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen
  

allerdings keine vormarschierenden Wagen über den Sumpfstreifen, und das war eine Verzerrung des Bildes und ein greller Mißton: so empfand es Gönnern , aber darüber setzte er sich hinweg.Nun machen Sie schon, daß Sie weiterkommen! sagte er zu seinem Fahrer.

Auch Damme war an dem steckengebliebenen LKW und der russischen Schiebe- kolonne vorbeigekommen, ihm war keine geschichtliche Parallele eingefallen, und weder hatte er an das alte Rõmische Weltreich noch an das neueGroßdeutschland gedacht, auch nicht an großdeutsche Straßen nach Asien . An einem pockennarbigen Gesicht und einem Paar grauer Augen war sein Blick haften geblieben und gedacht hatte er: An dreißig Jahre mag so ein Kerl alt sein, hat wahrscheinlich auch mal einen Tropfen geliebt und mal randaliert und getan, als ob ihm die Welt gehöre, und nun niemals mehr einen Schnaps, niemals mehr eine Matka, ein paar Wochen, und dann liegt er auf der Nase und aus; das ist natürlich bõse, und da ist es kein Wunder, wenn so einer einen Blick hat wie Fis !

General Gönnern sah die von Truppenmassen verstopften Straßen, sah Soldaten um Gulaschkanonen gedrängt, sah Haufen umherziehender Versprengter, sah Ru- mänen mit und ohne Waffen, sah einige Lastkraftwagen mit Holzladung die Straße blockieren, Sah auch einen Trupp Frauen durch den Schnee stapfen. Das alles waren Bilder einer sich auflõsenden Ordnung und waren mahmende Symptome und Eile war geboten, und was er brauchte, war ein Raum und ein Tisch und Tische für seine Offiziere des Stabes und Fernsprechapparate und dann Streifen und Auffang- stellen und Sammelstellen, und File war geboten, es war keine Minute zu ver- lieren.

Anders Damme , der ließ sich Zeit, und nicht der idealistische Gönnern, sondern der Praufgänger Damme, der seine Männer, wenn es so gefordert wurde, bedenkenlos einsetzte und aus vollen Händen opferte, und der am Njeschegol und der östlich Kletskaja weite Leichenfelder hinter sich gelassen hatte, war es, der hier im be- ginnenden Chaos menschliche Anteilnahme zeigte. Auch Damme sah die Straßen voller Versprengter, Ssah bettelnde Rumänen, sah rauchende Gulaschkanonen, sah auch die eingekeilten Lastkraftwagen, die zum Don hinunter wollten und nicht weiter kamen.Wo wollt ihr denn hin? erkundigte er sich bei den Fahrern, die mit ihren Holzladungen im Wege lagen wie eine Barre und den Strom der zurück- flutenden Divisionen aufhielten.Zum Don, auf die andere Seite rüber und weiter nach Bogutschar! wurde ihm erwidert.Ihr seid wohl wahnsinnig auf die andere Seite und weiter nach Bogutschar! Was wollt ihr denn da in Bogutschar? Die Fahrer Sprachen schlecht deutsch . Sie waren Italiener; ihre Truppe lag in Bogutschar im Woronesher Frontabschnitt und sie waren nach Stalingrad gekommen, um Brenn- holz zu holen. Ein Haus hatten sie abmontiert und Balken geladen, und auf dem Rückweg waren sie durch Kalatsch nicht mehr durchgekommen, und so wollten sie es jetzt hier im Morden versuchen.-Umdrehen zurück bis Pitomnik, meinetwegen auch bis Stalingrad ! befahl Damme , und er wartete, bis die Fahrer sich tatsächlich,

30