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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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schwerer Flak, und er blickte sich nach dem Flakgeschütz um und sah keins; er be- merkte die Waffenfarbe von Artilleristen, von Kradschützen, das Abzeichen eines Funkmeisters, ohne daß er die dazugehörigen Haubitzen, Kradräder oder den Funk- wagen entdecken konnte eine ganz großartige Scheiße! war das Ergebnis, zu dem er gelangte. Wenn der andere, Generalmajor Gönnern, seine Augen schweifen ließ, dann hafteten sie kaum an Finzelheiten, und kaum ein einzelnes Gesicht prägte sich ihm ein und auch keine Einzelheiten der Unordnung an einem Anzug; aber er sah Infanterie, Artillerie, Nachrichtentrupps, sah Pferdepark, Bäckereikolonnen Schläch- terkompanie, Werkstattzug durcheinander. Er hörte zchntausend schlurfende Schritte und hörte das Knarren und Bollen der Räder langer Kolonnen an leichtem und schwerem Gefährt, und es war nicht das volle Dröhnen des Vormarsches, das er vernahm. Er sah mehr als mit zwei Augen und einem Blick zu erfassen war: die wie dicker Lehmbrei durch das Golubajatal zichende, auch die Straßenhöhe über Pere- kopka herabschwemmende, über die Holzbrücken treibende, am jenseitigen Ufer in breiten Zungen ausleckende und dann nach Osten weiter treibende graue Men- Schenflut, und er sah den ungeheuren Himmel darüber und spürte schon die Schnee- massen, die sich über Mensch und Tier legen würden; dieses Riesenpanorama nahm er wahr, und wie der Wind über ein Meer geht, so z0g die Vieffalt an Geräuschen, an hörbaren und sichtbaren Erscheinungen vorbei Knirschen von Schritten, der PTrott von Bataillonen im Schnee, Rufe, Fluchen, Gesprächsfetzen, eine Meldung, Rauch einer Feldküche, Karbolgeruch aus Krankenwagen, ein in seinen Strängen verendendes Pferd, alles kehrte wieder, war tausendmal da, eine Monotonie aus Dunst und Schneetreiben und Schweißgeruch und Blutgeruch und Geschrei und gebeugte Rücken und geschwungene Fahrerpeitschen und weiße Schweißriefen an Pferdebeinen und ohne Ende das Band müder Soldatengesichter.

Die beiden Generale zogen, der eine einige Kilometer hinter dem anderen, dieselbe Straße; die hatten dieselben Bilder vor Augen, und es war nicht dasselbe, was sie wahrnahmen. Der im PKW sitzende Gönnern rollte von den Bohlen der Brücke herunter an das andere, das östliche Ufer. Und um sich hatte Gönnern Geschrei, und voraus war Geschrei, und voraus der LKW auf sumpfigem Grund schwankte, und der schwere LKW, die gebeugten Rücken, die stõhnenden Leiber, die fetzen- umwickelten Hände und die Hände auch bloß Fetzen an den Rädern und Wagen- seiten, ein halbes Hundert Kriegsgefangener, die steckengebliebene Wagen durch den Sumpfstreifen zu schieben hatten, das war eine Geste der Gesamtbewegung, ein Strich an diesem Riesenpanorama. Und Generalmajor Gönmern war nicht nur Kommandeur einer Infanteriedivision, er war außerdem Vortragender Rat für Kriegs- geschichte, und so sah er nicht nur russische, sondern gleichzeitig bis an den Boden gebeugte karthagische, mazedonische, äthiopische Rücken, und es schien durchaus in Ordnung, daß die zum Kaspischen Meer und weiter nach Asien führende Straße des neuen abendländischen Weltreiches mit den Knochen der besiegten Sklaven zementiert würde. Die Kriegsgefangenen schoben dieses Mal und an dieser Stelle

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