Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen

dem Gros seiner Truppen war er über Perekopka gekommen, abgesprengte Teile seiner Division trieben über die Golubajastraße, andere Teile waren überhaupt zu- rũckgeblieben. Der Wagen mit dem General rollte im Schritt. Voraus war ein Pfropfen aus Fußvolk und Fahrzeugen, hinterher ein Pfropfen aus Fußvolk und Fahrzeugen, zu beiden Seiten ein Spalier grauer Soldatengesichter. Manche kannten den General, hatten ihm bei Besichtigungen geschen oder hatten von ihm gehört, Gnotke und Gimpf wußten, daß er der Lieferant von vielen Leichen war.

General!

Der Weg war weit und das Gepäck war schwer. Am Riemen Handgranaten, an der Seite Schanzzeug, die Taschen dick mit Patronen... es ging durch Flandern , ging über Arras , Baileul, Hazebrouck und Poperinghe; es ging im Osten durch Sümpfe, durch Ströme, durch Rauch, durch Steppe, und kein Ende. Das Gesicht beschmiert, die Wangen hohl, in den Stiefeln ohne Strümpfe.

Heute König, morgen tot!

Es ging durch zwei Kriege, General! Das Kreuz aus Fisen an deiner Brust ist ein Zeichen noch aus dem ersten Weltkrieg, die Spange und das Kreuz aus Gold sind Zeichen des zweiten Weltkrieges. Der erste Krieg ging verloren, wird auch der zweite Krieg verlorengehen und werden wir die schweren Opfer am Njeschegol, bei Schebe- kino, die Opfer beim Uberqueren des Oskol, die Opfer ostwärts Kletskaja für nichts gebracht haben?

Wofür fallen wir, General?

Werden unsere Frauen, unsere Kinder ihre Tränen an den Fahnen des Sieges trock- nen oder werden sie ohne Ende weinen müssen? War dieser Krieg notwendig, war dieser Krieg uns aufgezwungen und geht es um eine große und heilige Sache, ist dieser Krieg gerecht und geht es um Deutschland ? Verteidigen wir Deutschland am Njeschegol, am Oskol, am Don, an der Wolga , General?

Was wirst du den Müttern antworten, wenn sie dich fragen: Wo ist mein Sohn? Wo ist der Ernährer meiner Kinder?

Wo ist deine Division, General?

Ein Teil ist im Njeschegol versoffen, ein Teil ist bei Kletskaja in die Luft geflogen, ein Teil ist auf den Golubajahöhen gefallen, ein Teil ist versprengt, noch ein Teil hat das schwere Geschütz zurückgelassen und hat sich in die Flucht geworfen. Sieb- zehntausend zogen wir aus, und davon stehn ein Hãuflein auf der Holzbrücke zwischen Akimowski und Wertjatschi.

Wo führst du uns hin, General?

Uber den Don: Rückzug nach Osten!

Aber die Stimme des Soldaten sprach nicht. Der Soldat stand am Geländer der Holzbrücke, und nichts an ihm rührte sich ein Bauer aus der Heide bei Celle , ein Messerschmied aus Remscheid , ein Werkzeugschlosser aus Köln , ein Bauer aus Ostermiething , ein Junge aus Ottakring , ein Buchhalter aus Durlach in Baden , ein Lehrer aus Zwischenahn am Zwischenahner Meer , ein Troßunteroffzier und Lager-

27