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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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bleiben es war kein Sprit mehr für die Zugmaschinen da. Es war kaum Sprit genug für die LKWs der Stäbe vorhanden, auf denen die Flucht bewerkstelligt werden sollte. Die Alarmmeldung aber: Die Russen sind bis Kalatsch durchgebrochen! hieß auf die eigene Lage übertragen: schleunige Flucht bis hinter den Don! Ja, schaffen wir das denn noch ohne Sprit, ohne Pferde, die weitab in den Pferde- erholungsheimen stehen? Das hieß: was nicht mitkam, muß liegenbleiben! Und Sprengungsbefehle, und Munitionslager gingen in die Luft, und bleiche Gesichter und flackernde Augen, und ein Vernichtungstaumel, das letzte, was ihnen geblieben war, hatte die Mitglieder des Stabes erfaßt. Und da stand Gnotke und reckte beide Arme vor und der Verwaltungssekretär, ein Mann mit ungesunder Gesichtsfarbe, packte ihm Aktenbündel auf und befahl ihm, diese Akten auf dem vor dem Hause vorgefahrenen LKW aufzuladen. Da stand Gimpf, und ein Oberfeldwebel belud ihn mit funkelnagelneuen Stiefeln, und Tünnes wurde mit Pullovern, Schorsch mit Wãsche , Georg mit Uniformstücken, andere mit anderem beladen. Draußen am LKW aber wurden alle abgewiesen, der Oberleutnant dort schickte sie weiter, und Aktenbündel, Pullover, Wäsche, Uniformstücke, Bücher und immer neue Ladungen fiogen in den zu einem Berg aufgetürmten Scheiterhaufen, und die Flammen schlugen hochauf.

Der Verwaltungssekretär kam herauf, blickte sich mit irren Augen um:Herr Ober- leutnant, die MED-Vorschriften ich kann das doch nicht alles verbrennen. Haben Sie denn nicht noch Platz auf Ihrem Wagen?Ich sollte Ihre.. ja, mein Gott, Mann, ich soll Ihre albernen Vorschriften mitnehmen, sind Sie In dieser Lage gibt es keine Vorschriften!

Da stand dann plõtzlich ein Oberstleutnant, die asketischen Gesichtszüge hagerer als sonst, hohle Schatten auf den Wangen:Was gibt's hier?Die NFD-Vor- schriften, Herr Oberstleutnant!Alles runter vom Wagen, alles ins Feuer. Nur Munition und Verpflegung kommt auf die Fahrzeuge. Es geht um das nackte Leben! Der Verwaltungssekretär zog ab, mit schlaff herabhängenden Armen, verschwand wieder im Innern der Hütte. Und Funken stoben gen Himmel, und durch den roten Glast sah man die langsam rollenden Räder und die Füße der marschierenden Kolonnen.

Die Russen in Kalatsch!

Das Armeeoberkommando aus Golubinskaja geflüchtet, mit einem ,Storch davon- geflogen! war die nächste Alarmnachricht, die das Stabsquartier durchflog und die

auch von Gnotke, Tünnes und den anderen aufgefangen wurde. Der Oberleutnant

vor dem Haus hatte seinen Wagen mit Proviant und Gewehrmunition beladen. Sein Fahrer half ihm in den Mantel hinein, als ein Unteroffizier, kreideweiß im Gesicht, auf ihn zukam:Herr Oberleutnant, im Kom, da liegt er, mein Gott... Was denn, wer denn? Mann, fassen Sie sich doch!Im Kom, der Sekretär, er hat sich eben erschossen!

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