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Auch hier lag Schnee, auch hier das endlose Marschband langsam sich bewegender Räder... Haubitzen, Feldgeschütze, Infanteriekolonnen, Haufen versprengter Ru- mänen. Der Schnee überflackert von zartem Flamingorot, dem Widerschein von Bränden. Aus den Hütten brachen Hlammen. Das Dorf brannte an beiden Enden. Die Pferde und Fahrzeuge, die vorbeizogen, warfen riesige Schatten. Mitten auf dem Dorfplatz brannte ein großer Scheiterhaufen, und hier blieben Gnotke und Gimpf, die beiden Kölner und der Krefelder stehen, um sich aufzuwärmen. Fin Oberfeld- webel hielt sie hier an, nahm sie mit in eine Hütte, drückte ihnen Brot und jedem ein Stück Wurst in die Hand und stellte sie an zum Ausräumen einiger Bunker.
Es handelte sich um einen Korpsstab, das hatten sie bald herausgefunden. Tünnes und Schorsch und Hans und Gnotke und Gimpf schleppten, was ihnen von dem Oberfeldwebel, von einem Kriegsgerichtsrat, von einem Verwaltungssekretär, von anderen übergeben wurde, auf die Straße hinaus. Für Gnotke und Gimpf, die gerades- wegs aus dem Massengrab in dieses Durcheinander von Koffern und geöffneten Kisten, aufgescheuchten Stabsschreibern, schreienden Beamten, Offizieren mit bleichen Gesichtern hineingerieten, war es ein spukhafter Betrieb, und nicht nur für diese beiden, es war in der Tat ein Spuk, was hier im Gange war. Seit dem Mai des gleichen Jahres, von Bjelgorod bis zum Pon, hatte dieser aus Beamten, Offizieren und dem Gefolge an Personal bestehende Apparat auf Befehlswagen und Omnibussen, und gefolgt von einer Karawane von Lastfahrzeugen, sich von Ftappe zu Etappe und von Porf zu Morf über siebenhundert Kilometer erobertes Land hinweg be- wegt. Wenn es für die Truppe ein Marsch durch Blut und Sterben gewesen war, für den Stab waren Leichen und wundgelaufene Füße und schweißsteife Hemden abstrakte Begriffe geblieben, für seine Angehörigen war der Weg bis zum Don eine Folge von Triumphen gewesen. Hier in den Hütten und Bunkern hatten sie gelegen, und als es lange dauerte und Wochen hingingen und der Vormarsch sich in Stalin - grad in Straßen- und Labyrinthkämpfen festlief, die Versuche, den Pon in nord- östlicher Richtung zu forcieren, zu immer neuen, stromabwärts treibenden Leichen führten, aber kein Ubergang gelang, da vertrieben sie sich die dienstfreie Zeit so gut es ging mit Bücherlesen, mit Kartenspielen, mit dem Finrichten ihrer Bunker, mit dem Heranziehen ihrer Pferde, und ungeduldig warteten sie auf die neue Weiter- bewegung und harrten sie des neuen Marschbefehles, der entweder hätte lauten
entgegen! oder: Links schwenkt marsch— Saratow , Kasan , Moskau entgegen! So vergingen die Wochen und der Winter, der zweite im Ostfeldzug begann. Und noch am Morgen dieses Tages hatten sie eine Flucht nicht für möglich gehalten, einen Rückschlag, ja, den hätten sie erduldet, aber die Golubajahöhen und das Tal würden gehalten werden, so hatte sich die Lage noch am Morgen präsentiert.
Diese Nacht aber war ein Spuk!
Regimenter waren keine Regimenter mehr. Panzerregimenter meldeten: Befehl aus- geführt: die letzten fünf Panzer gesprengt! Die motorisierte Artillerie mußte liegen
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