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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Mir ist es auch nicht egal, man will doch noch mal nach Hause, oder nicht? Sagte der Mann.

Nach Hause... wiederholte Gnotke nur, das war ein Wort, ebenso grell wie der Traum, den er geträumt hatte. Nach Hause, so was gibt es!So was gibt esl sagte er.

Mensch, ja, gibt es! Fine Frau habe ich und ein Mädel, fünf ist sie ſe a Er sprang auf anderes über:Unser ganzes Bataillon ist kaputt. Ihr Seid wohl aus der fünften?

Nein, wir sind aus dem Straf bataillon.

Ach so, na, ist auch egal. Macht nichts.

Der Mann mit der Brille war aus Köln , kein junger Soldat mehr, so alt wie Gnotke mochte er sein. Er hatte ein Stück Brot und auch eine Portion Wurst in seiner Pack- tasche und gab Gnotke und Gimpf davon ab. Von Russen war keine Spur, nicht Russen, sondern andere Versprengte kamen nach einer Weile in das Erdloch herunter. Mit diesem Trupp Versprengter machten Gnotke und Gimpf, als es draußen grau wurde, sich auf den Weg. Sie folgten den Spuren, die andere vor ihnen schon in den Schnee getreten hatten. Von einem Abhang herab hatten sie einen Blick auf das tief eingeschnittene Golubajatal und auf die unten dahintreibende Flut von Wagen, Pferden und Menschen. In der Schlucht, die sie herabstiegen, traf der Kölner zwei Mann seines Zuges, es waren seine beiden Freunde, mit denen er in der Nacht auseinandergeraten war. Der eine war ebenfalls aus Köln und hieß Schorsch. Den mit der Brille nanmen sie Tünnes, der dritte war Hans Kettler aus Krefeld . Diese drei, und dazu Gnotke und Gimpf, hielten sich zusammen.

Da waren Sie jetzt, auf der Talstraße nach Werchnaja Golubaja. Unendlich langsam ging es vorwärts, immer wieder standen die Rãder still und stauten sich die Kolonnen. An der Bergwand brannten Hütten.

Eine Detonation, eine zweite, dritte.

Russische Panzer! wurde gerufen. In der Enge und in der Rad an Rad und Mann an Mann stehenden Masse war kein Raum für eine auseinandertreibende Bewegung. Gnotke sah Gesichter unter ihrer Dreckverkrustung grau werden. Gimpf blickte aus Seinen wasserblauen Augen wie immer ins Leere. Tünnes meinte, so viele Panzer gibt es gar nicht! Es drõhnte noch zweimal, von Panzern aber war nichts zu bemerken. Voraus stieg Rauch auf. An die Stelle gelangt, sah man deutsche Panzermänner, die ohne Sprit am Straßengraben liegengeblieben waren, hatten ihre Kampfwagen gesprengt. Die fünf rauchenden Wracks waren der Rest eines stolzen Panzerregi- ments.

Es ging weiter, der Tag ging hin. Gnotke z0g Gimpf hinter sich her, hielt ihn beim Haufen. Dieses nichtssagende Gesicht, das aus den Minenexplosionen der Kursker Steppe, der Ponsteppe, dem Untergang bei Kletskaja, das aus Rauch und Sterben immer wieder mit dem gleichgültigen Ausdruck aufgestiegen war, wollte er nicht verlieren. Es wurde wieder Macht, bis sie nach Werchnaja Golubaja gelangten.

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