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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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mehr gefeuert, und dieser Leichenhügel und der dazugehörige Gnotke waren kein Ziel, weder für ein Tankgeschoß, noch für die Kugel aus einem Karabiner, noch für einen Säbelhieb.

So war es Abend geworden. Der aus Osten blasende Wind zerriß die Wolkendecke. Ein Stück frostigen Winterhimmels lag bloß, und der Mond trat hervor. Es war wüstes Licht, das sich über das Land legte. Das Büschel eines verholzten halbmann- hohen Steppenkrautes zog den Blick Gnotkes auf sich. Das also war stehengeblieben, ebenes Land, wieder eins dieser verholzten Steppenbüschel, ebenes weites Land, darüber weicher zerfahrener Schnee und das wüste Mondlicht, und es rauschte wie das Meer.

Aber es war die Leere, welche rauschte.

Rückug nach Osten! Hinter den Pon!

Russische Panzer- und Kavalleriekräfte haben die deuteche Front durchbrochen. Aus dem Raum Serafimowitsch und Kletskaja heraus verlief der Stoß in südöst- licher Richtung auf Kalatsch, wo er einem zweiten südlich Stalingrad über die Wolga herübergetragenen Durchbruchskeil begegnete und sich mit ihm zu einem festen Ring verband.

Im Norden fanden drei deutsche DPivisionen die 376., 44., 384. Infanteriedivision, die zwischen Don und Pon und mit der Front zum Don gelegen hatten sich über Nacht mit entblößtem Rücken wieder. Und während von Süden her das XLVIII. deutsche Armeekorps mit der 62. Infanteriedivision und der 28. Panzerdivision und zusammengeworfenen Heeresmassen zum Gegenstoß ansetzte und in der Schlacht im Donbogen bis auf Reste vernichtet wurde, setzten die Truppen im Norden sich hinter Tage und manchmal nur Stunden haltenden Riegelstellungen nach Südosten ab. Die Golubajahöhen schienen die gegebene Widerstandslinie zu bilden, verwandel- ten sich aber mit dem Golubajatal und mit dem Ort Werchnaja Golubaja und den bei Akimowski, Perepolni und Lutschenski über den Pon führenden Holzbrücken in den Engpaß, durch den die geschlagenen Truppenmassen mit ihrer Artillerie, ihren Trossen, Stäben, Rückwärtigen Diensten durchzuschleusen waren. Einer der letzten, der die Golubajastraße noch im gewöhnlichen Zustand einer Mach- schubstraße und der auch den Ort Werchnaja Golubaja noch in seinem gewöhn- lichen Aussehen erblickt hatte, war Oberst Vilshofen gewesen, das erstemal auf seiner Fahrt nach Kletskaja, das zweitemal, als er herunterkam, um für seine zu- sammengeraffte Truppe Verpflegung, Munition und Brennstoffe zu erhalten, das heißt, das erstemal eine Woche und das andere Mal einige Minuten vor dem Zu- sammenbruch.

Das erstemal war es ein dunstiger Morgen gewesen. Die Dorfstraße hatte mit den friedlich daliegenden Hütten, mit den da und dort aufgehenden Fensterläden, mit Russen, die mit Hofbesen die Straße kehrten, angemutet wie eine Schöne, die sich den Schlaf aus den Augen wischt. Fin Hoftor hatte sich aufgetan, ein Morgenreiter

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