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einige Deckung gefunden. Doch wenn Gnotke überhaupt etwas gedacht hatte, kann es nur gewesen sein, daß er nicht so tief in der Erde liegen und nãher dem Himmel begraben sein wollte. Er setzte sich neben den mit Erdbrocken bestreuten Leichen- haufen, und der an seiner Seite saß, war Feldwebel Aslang. Feldwebel Aslang hatte ein võllig schwarzes Gesicht und bleckte die Zãhne, so daß es aussah, als lachte er. Gnotke bemerkte es oder bemerkte es nicht, und ein toter Aslang war ihm eigentlich natürlicher als ein lebender, er fragte sich auch nicht, wo Hubbe und Pinger ge- blieben sein mochten. Verdreckt und beschmiert wie er dasaß und ohne sich zu regen mit weit offenen Augen in die Luft Starrte, Sah er gestorbener aus als der grin- sende Aslang und der Haufen der ihn übertürmenden und in dramatischen Ver- zerrungen erstarrten Leichen.
Der Haufen in seinem Rücken schützte ihn vor dem im Osten aufspringenden eisigen Wind. Der Körper Aslangs teilte nach einer Weile keine Wärme mehr mit. Gnotke rückte ein Stũck weiter und lehnte sich an den heißen Leib eines Pferdes, das dort niedergesunken und verendet war. Sonst rührte er sich nicht von der Stelle, und er bewegte sich auch nicht. Rauch und Nebel trieben vorbei und verengten das Ge- sichtsfeld. Das Tageslicht nahm ab, die Stunden waren überhaupt im Zwielicht geblieben. Die deutsche Front war durchbrochen, die Truppen der vordersten Linien niedergekämpft oder zersprengt oder füchtend niedergehauen oder gefangen ge- nommen worden. Durch die gerissene Bresche brachen in unaufhaltsamem Strom russische Infanterie- und Panzer- und Sturmverbände.
Was in der Blickrichtung Gnotkes war, das sah er; was rechts oder links davon vor- ging, das sah er nich. Denn was auch geschah und ob die Raupenketten eines Panzers hart neben ihm vorbeirollten, ob Gewehrschüsse aufpeitschten, ob Säbelhiebe durch die Luft schnitten und wilde Schreie aufheulten, er drehte den Kopf nicht. Er sah pan?er Sich in der Kraterlandschaft bewegen und unter den treibenden Rauch- und Punstfetzen auf- und abtauchen wie Boote in einer bewegten See; er sah auch das Mündungsfeuer ihrer Geschütze. Und er sah aus den Sümpfen dunkle Haufen her- aufsteigen; das waren die Rumänen, sie liefen um ihr Leben. In die flüchtenden Haufen sprengten sich Pferdekõpfe und Reiter ein. Die Pferde drehten sich auf den Himerbeinen herum, und die Reiter schlugen und hackten um sich.
Der an der Trichterböschung aufgetürmte Leichenhaufen schien die Wasserscheide auf dem Gelãnde der aufgerissenen Front zu bilden. Immer wieder zogen Abteilungen von Panzern vorbei und schwenkten hier auf einen neuen Kurs ein, nach Süden gegen Kalatsch. Und die vom Don herauf. kommenden flüchtenden Haufen gelangten kaum über dieses Todesmal hinaus. Hier und im nahen und weiteren Umkreis wurden sie niedergesäbelt, und auch die russische Kavallerie schwenkte nach Süden gegen Kalatsch. Aber dieser mit Erde verkrustete und einen süßlichen Geruch ausstrõmende Haufen z0g niemandes Aufmerksamkeit an; und wenn ein Panzerfahrer ihn plõtz⸗ lich vor sich hatte, dann lenkte er die Raupenbänder seines Fahrzeuges daran vor- bei, und auch die Kosaken ritien darum herum. Auf nicht sichtbare Ziele wurde nicht
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