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Kopf, der war abgerissen. Von der Brust und den Oberarmen war das Fleisch ab- geplatzt. Bis zum Gürtel ein Skelett, durch welches Lungen und Herz durchschienen, so saß er da. Die unversehrt gebliebenen Hände, die das Lenkrad noch umfaßten, wirkten an den nackten Armknochen wie übergestreifte Handschuhe. Von den übrigen drei Mann war nichts mehr zu sehen; was sie einmal waren, klebte als blutiger Schaum an den Panzerwänden.
Der Oberst kannte ihre Namen, wußte auch, wo sie her waren.„Burstedt aus Wupper- tal, Sohn eines Werkzeugschlossers, Hofmann und Rademacher, beide aus dem- ₰ selben Dorf an der Eder, und Unteroffizier Elmenreich aus Schwerin !“ sagte er und es war wie ein Nachruf.
Der kommende Tag war der 19. November.
Die Gegend war die bei Kletskaja mit der Front nach Norden und Westen. Im Westen, das heißt an der linken Flanke, befand sich der russische Brückenkopf und von dort sich nach Norden und bis zum Fluß ausdehnend das Niemandsland, niedrigcs Ge- lände, bewachsen mit Gebüsch und bedeckt mit Tümpeln und kleinen Seen, ver- sumpft und durchsetzt mit Treibsand, und entlang der Frontlinie und bis zum öst- lichen Teil der Donschleife ein von Hügeln bedecktes und mit Schluchten durch- zogenes Gebiet, seit Wochen von der russischen Artillerie und von der Infanterie umkãmpft, mit teilweise gelungenen Finbrüchen und seither von der deutschen Luftwaffe tãglich bombardiert und von Gegenangriffen berannt. In der Nacht auf den 19. November setzte auf diesem drõhnenden Kampfabschnitt eine Todstille ein. Man weiß von Kapitänen, die plõtzlich aus dem Schlaf auffahren; auch ohne das Barometer zu Rate gezogen zu haben, auch ohne daß sie die Luftgebilde des Himmels oder den bleiernen Glanz des Meeres vor Augen gehabt hätten, haben sie das heran- ziehende Tief gespürt; mit der Luft haben sie es eingeatmet. Hier war es ein Oberst, der sich mitten in der Nacht aufrichtete, auf einer Pritsche hockte und angespannt lauschte. Was konnte er vernehmen? Das Atmen seines Wirtes, eines Flakkomman- deurs, bei dem er Unterkunft gefunden hatte. Die dicken Wände des Erdbunkers ließen ohnehin den Schall, der von außen kommen könnte, nicht eindringen. Oberst Vilshofen stand auf, durchschritt den Vorraum, betrachtete einen Moment lang das junge Gesicht seines Adjutanten Latte, der dort mit dem Adjutanten des Flakkom- mandeurs schlief. Er stieg die ausgetretenen Stufen hoch und stand dann oben. Und da war nichts— ein morastiger Himmel, Schnee und Feuchtigkeit in der Luft, die Erde darunter schwarz. Wenn nicht am niedrigen Himmel und fern am nördlichen Rand eine Leuchtrakete gehangen hätte, hätte nichts erraten lassen, daß zwei Armeen 7 hier einander auf Tod und Leben gegenüberlagen. Ein finsteres schlafendes Land, Sonst nichts, 8o sah es aus. Aber Vilshofen war aufgestört. Er stacherte durch das Bunkerdorf, fand das Erdloch, welches er suchte, ließ seinen Taschenscheinwerfer
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auf blenden und stieg hinunter. Bine dicke Luft von gepfercht beieinander liegenden Menschen und der Dundt 3 aus ölverschmierten und feuchten Kleidern schlug ihm entgegen. Er war hier im
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