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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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gelegentliches Schwindelgefühl hinsichtlich der sich ausweitenden Ziele und der Maßlosigkeit des Kriegsunternehmens.

Vilshofen hatte mit seinen Panzern am Nordrand Stalingrads gelegen. Aus Kämpfen, die am hundertsten Tage noch ebensowenig abgeschlossen waren wie am ersten, war er herausgerissen und über die Straße Gumrak-Rossoschka-Peskowatka und über den Don hinüber an die Front westlich Kletskaja geworfen worden. Nicht den vorgeschriebenen Umweg über Wertjatschi war er gefahren; sondern rauch- und dreckspritzend hatte er den Strom seiner Panzer durch das idyllisch gelegene Pesko-

watka geschleust, dem Ort eines Korpsstabes und sonstiger Stãbe, der sich, obwohl an der Straße gelegen, dem Durchug fremder Truppen sperrte, und er wäre auch ebenso durch das am anderen Ufer gelegene Golubinskaja gebraust, durch den Ort des Armeehauptquartiers, wenn das der direkte Weg gewesen wäre.

An diesem Abend stand Oberst Vilshofen , begleitet von seinem Adjutanten, am Straßenrand. Seine Panzer kehrten zurück achtundzwanzig hatte er ausgeschickt und an zwanzig davon waren an ihm vorbeigerollt. Er wartete auf die übrigen. Die Panzergrenadiere rollten vorbei.

Der letzte Transportwagen stoppte.

Hallo, Tomas!, rief Vilshofen .

Ein Mann stieg ab, kam näher durch den Nebel, der Kompanicführer, Hauptmann Tomas. Er bestätigte seinem Kommandeur nur, was der von den Pan?zerfahrern schon erfahren hatte. Nach einem Anfangserfolg und nachdem die Geschütze einer russischen Batterie außer Gefecht gesetzt worden waren, war der Angriff im Feuer der russischen Nachbarbatterien zusammengebrochen. An 200 Tote war das einzige Resultat dieses Angriffes gewesen. Vier Panzer waren brennend liegen geblieben. Vier weitere hatten abgeschleppt werden können und mußten noch ankommen. Oberst Vilshofen wartete, bis wieder das Klatschen von Raupenketten hörbar wurde. Wie ein Bugsierzug auf dunstigem Fahrwasser tauchte ein Panzer auf, der einen anderen schleppte. Danach wurde der zweite, der dritte, auch der vierte herangeschleppt. Die Beschädigung des ersten mochte angehen, nach der Meinung Vilshofens konnte er am nächsten oder über- nächsten Tag wieder einsatzbereit sein. Khnlich verhielt es sich mit dem zweiten Kampfwagen; der dritte hatte überhaupt nur eine seiner Gleitketten verloren. Und 4 da war der vierte, und der rollte langsam, ohne Ketten, nur auf den Kettenrollern. Ein Volltreffer, das Gehäuse zeigte Klaffende Risse. Wozu schleppt man das ab zum Schrottsammeln ist es doch wirklich nicht an der Zeit!

Vilshofen ließ anhalten, trat an den Panzer heran, blendete seinen Taschenschein- werfer auf und blickte durch das Einschußloch in das Innere. Das weiße Licht des Scheinwerfers lag jetzt voll auf seinem Gesicht; es war das eines fast Fünfzigjährigen mit vorspringender großer Nase und mit großen Klaren Augen. Was diese Augen erblickten, war das Resultat der Wirkung eines detonierenden Geschosses im ge- schlossenen Raum eines Panzerinnern. Der Fahrer saß noch an seinem Platz, ohne

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