Wolf wartete eine Weile. Miemand ergriff das Wort.
„Du, Jakob“, sagte er zu dem Mann zu seiner Rechten,„hast am meisten unter ihm gelitten. Er hat dir alle Strafen auferlegt, die in seinem Register standen. Nur deine Zähigkeit hat dich sie über- leben lassen. Deine Familie lebt nicht mehr. Einer für alle, Jakob. Dieser eine ist heute Brigola. Wie willst du ihn sterben lassen?“
„Mir ist gleichgültig, auf welche Weise er stirbt“, sagte Jakob und gab zu erkennen, daß er über diesen Gegenstand nicht mehr reden wollte.„Jede Todesart hat meinen Beifall, wenn sie nur ein anderer als ich vollzicht.“
Jakob senkte sein Haupt. Diese Bewegung verriet seinen uner- schütterlichen Willen, an Brigolas Hinrichtung nicht mitzuwir- ken. „Wie begründest du deine Weigerungꝰ?“ fragte Wolf eindringlich. „Ich'bin wehleidig“, gestand Jakob.
„Und doch hast du den dritten Grad ausgehalten.“
„Ja“, gab der Gutspächter zu.„Aber das waren meine eigenen Glieder. Andere kann ich nicht leiden machen. Martere ich sie, so martere ich mich selbst.“
wolfs Blicke wanderten langsam von Jakobs hagerem Gesicht zu Simon, dem jungen Mann zu seiner Linken.
„Du hast gewiß einen Vorschlag zu machen.“
Simons Augen durchmaßen verlegen den Raum. Sie überflogen die gewölbte Decke, auf der sich übér Spuren von Goldgrund immer wieder das nachgedunkelte Bild eines Falken zeigte, das Wappentier der Grafen von L. Sie betrachteten den altertüm- lichen Kachelofen, dessen weiße Flächen mit Bildern aus den Kämpfen der Polen gegen die Deutschherren bemalt waren. End- lich blieben sie auf dem riesigen, wappengeschmückten Bett haf- ten, unter dessen breitem, von Hermen getragenem Baldachin Bri- gola an Händen und Füßen gefesselt lag.
„In meiner Kindheit“, sagte Simon halblaut,„hat man mich das
geschriebene und das ungeschriebene Gesetz gelehrt. Unsere Ge- selzeslehrer waren die ängstlichsten aller Juristen. Kein Richter durfte ein Todesurteil fällen, ohne eine volle Nacht mit sich zu
Rate gegangen zu sein.“—
198
——.———


