Halle. Beide hatten ihre Rollen vertauscht. Der Vorgesetzte hatte den erbarmungslosen Blick, den Freund und Feind bisher als charakteristisches Merkmal Brigolas bezeichnet hatten. Der Be- triebsleiter aber war sanft. Memals war er so sanft gewesen. Er pettelte um jede einzelne Seele. Aber bõse und rechthaberisch peharrte von der Planitz auf seinem Befehl.
Dem Schläfer stach ein Lichtschein in die Augen. Er öffnete sie halb. Im Schlafzimmer stand eine Gruppe fremder Männer. Einer hielt eine Taschenlampe auf Brigola gerichtet. Zwei andere beug- ten sich über ihn, streiften ihm die Decke vom Leib, packten seine Handgelenke und schmürten sie zusammen.
Brigola rührte sich nicht. Pie Gesichter glichen denen seiner jüdischen Arbeitskräfte. Hatte der Irrsinn sich seiner bemächtigtꝰ? War dies die Folge der ihm zugefügten Kränkungꝰ? Niemals im Leben hatte er so lebhafte Halluzinationen gehabt.
Es dauerte zehn Sekunden, bis Brigola argwöhnte, er könnte wach sein. Er versuchte, die Augen zu reiben. Da entdeckte er die Fesse- lung seiner Hände. Er versuchte den Kopf zu drehen. Da sah er seine Waffe in fremdem Besitz.
Hatte sein Bericht doch nicht übertrieben? Wenn dies aber kein Traum war, dann lag nicht Sabotage vor, wie er gemeldet hatte, sondern Aufruhr und Meuterei. Meuternde Juden hatten sich des Schlosses bemächtigt. Offenbar war die gesamte Wachmannschaft in ihre Hände gefallen. Und nun pefand auch er sich in ihrer Gewalt. Da hatte die Erkenntnis, daß er nicht träumte, den letzten Win- kel seines Bewußtseins erobert.
„Hilfe!“ prüllte Brigola. Lähmung bprach über ihn herein. Er päumte sich auf, röchelte und fiel in Ohnmacht.
2.
Vom Turm der Hauptkirche schlug es zwei. Während Donner die in den Kasematten des Schlosses vorgefundenen Mengen an Waf- fen und Munition nach oben schaffen ließ und zur Verteilung prachte; während er den einzelnen Abteilungen ihre Quartiere zuwies und für Bewachung der Gefangenen sorgte, versammelte
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