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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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Laßl doch Gott aus dem Spiel! sagte er, von heftiger Erregung geschüttelt.Wir sind nicht hier, um über die Erfüllung der Gebote zu streiten. Wo immer sie gelten, hier gelten sie jeden- kalls nicht. Gott hat uns unseren Feinden überlassen. Ich klage ihn nicht an. Ich mach' ihm keine Vorhaltungen. Aber ich fühle mich ihm auch nicht verpflichtet. Wir müssen unser Dasein in die eigenen Hände nehmen. Wir haben zu enitscheiden, ob wir weiterhin passiv pleiben oder ob wir handeln wollen. Habt ihr völlig vergessen, was handeln heißt? Sagt euch das Wort gar nichts? Hat das viele Dulden euch ganz verdorben? Unser Bruder nennt es Geduld. Ich nenne es ganz einfach Feigheit. Besinnt euch doch! Steckt keine Spur des alten Empõrergeistes in euch? Rafft euch aufl Handeltl Auch der Ausgang des Daseins muß verdient werden. Nur der Mutige hat das Recht auf einen ehr- lichen Tod.

Donner stand mit flackernden Augen in der Mitte des Raums. Er schwang seine Arme. Tränen entstürzten seinen Augen.

Ich sage nicht, daß ihr noch lebt. Denn ihr und ich, wir alle, die viele hundert Meilen hierhergebracht wurden, sind schon lange lot, obgleich wir noch atmen. Aber wer atmet, der haßt. Und wer haßt, begnügt sich nicht mit der Rolle, die ihr spielt. Wollt ihr wirklich, obgleich ihr noch atmet, Zuscher euerer eigenen Er- niedrigung sein? Wollt ihr untätig euerer Hinrichtung beiwoh- nen, ein faules und unbeteiligtes publikum? Wollt ihr die Hand- langer eueres eigenen Begräbnisses abgeben?

Donner riß die Mehrheit der Delegierten hin. Nicht Jans durch- dachte Rede war es, die sich durchsetzte, sondern Donners leiden- schaftliches Gestammel. Er schüttelte seinen Körper⸗ nicht un- ähnlich dem von ihm bekämpften Talmudisten. Rõchelnd er- innerte er die Anwesenden an ihre Pflicht. Es gab keine Frage des Lebens und Sterbens. Es gab nur die Frage des Duldens oder der Abwehr. Man starb leichter, wenn man sich rächte. Wer selber kämpfte, fühlte keine Wunden.

Eine unsichtbare Welle von Erregung füllte die Luft. Sie strömte über die Köpfe weg, machte die Augen funkeln und das Haar sich sträuben. Die Lippen schnaubten unter der hastig ein- und aus- geatmeten Luft. Irgendwer reckte die Arme hoch. Gemurmelte

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