betonte Wolf mit leisem Spott.„Alle diese Botschaften sind zu allgemein gehalten. Eine nur für sie bestimmte persönliche Bot- schaft. Ein Befehl, dem sie sich nicht entziehen können. Aber wer sendet schon an die Bewohner der Judenstadt Botschaften und Befehle! Wer überbringt sie! Und wer schenkt ihnen Glauben!“
3.
Da hatte der Zufall eine Botschaft für die Judenstadt. Es ergab sich von selbst, daß Jan ihr Uberbringer war.
Seit einiger Zeit arbeitete Dragomanov, ein Ukrainer, wenig älter als Jan, an dessen Seite. Anders als seine Landsleute war der Mann gesprächig. Er war es auf eine eigentũmlich stürmische Art. lmmer war er der Frager, und Jan mußte Rede stehen. An- kangs war die Verständigung nicht leicht. Jans Tschechisch und Dragomanovs Ukrainisch näherten einander nur in Etappen. Bald aber ging die Unterhaltung ohne Mühe vor sich.
Dragomanov wollte von den Leiden der jüdischen Belegschaft im Schloß hören. Jan mußte die Arbeitsordnung und ihre Wirkung auf die Untergebenen peschreiben: wie der Betriebsleiter Appell hielt und strafte; welche Veränderungen die Zeit in den Körpern der Arbeitenden erzeugte; welches das Schicksal der Verschickten war; wie lange es dauern mochte, bis es zu Ende ging; wie weit die Geduld der Leute reichte.
Jan gab ruhig Bescheid. Er übertrieb nicht. Die Nüchternheit und die Wahrhaftigkeit seiner Erklärungen verfehlte nicht ihre Wir- kung auf den Zuhörer.
Eines Tages drängte sich der Ukrainer dichter an Jan heran. „Habt ihr“, fragte er,„nie den Finfall gehabt, zur Selbsthilfe u greifen?“
Jan erschrak. Wie konnte dieser Mensch erraten, woran er un- ablässig dachte? Oder lag dieser Gedanke in der Luft? Brauchte man nur zu atmen, um ihn einzusaugen?
„Ich weiß nicht, ob es für uns Selbsthilfe gibtl“ erwiderte er langsam.
Die halh tatarischen Backenknochen des Ukrainers stachen spitz
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