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Es gibt keine Propheten mehr.
Die beiden Blätter wurden in der Kammer vorgelesen, die Jan mit zwei Gefährten bezogen hatte.
Der eine von ihnen, Simon, fungierte als Ubersetzer. Er stammte aus jenem Viertel Wiens , das die Brigittenau hieß und von vielen hart arbeitenden Juden bewohnt gewesen war. Die Mehrzahl die- ser Juden hatte noch östliche Bräuche beobachtet.
Auch Simon war diesem Osten nicht völlig entwachsen. Zuerst war er in einer jüdischen Gesetzesschule, später in der marxisti- Schen Doktrin unterrichtet worden. Beide Schulen hatten ihm unauslõschliche Spuren aufgeprägt.
Simon las die Verse laut. Er übertrug sie ins Deutsche, jene Sprache, die alle in der Hütte beberrschten.
Jan wurde von den Versen erschüttert. Was hatten diese Men- schen doch für eine mächtige Sprache gesprochen. Sie hatten den Schmerz von hundert Generationen eingeatmet. Leid lag hinter ihnen, Leid säumte ihren Weg, Leid öffnete sich vor ihnen wie ein Kosmos.
„Wüßte ich nicht“, sagte Jans zweiter Gefährte Imre,„daß es Psalmen sind, ich würde sie für gestern geschriebene Propaganda halten.“
Simon lachte, und seine Augen strahlten ein dunkles Feuer. „Psalmen und Revolutionsgedichte veralten nie. Was ich hier vor- las, sind Auszüge aus der Untergrundliteratur unserer Vorfahren, Aufrufe, die man im Bereich des Generalgouvernements Judãa unter der syrischen Oberhoheit verbreitete. Sie werben für den Eintritt in die Armee der damaligen Patrioten. Wir aber“— Simon berührte mit hastiger Gebärde die Sohlen seiner Schuhe— „tragen die Psalmen von heute, die Unterweisungen der Prophe- ten unserer Tage unter den Fersen. Gott spricht nicht mehr aus prennenden Dornbüschen oder von der Spitze seines Berges, son- dern aus verborgenen Sendern und geheimen Druckerpressen.“ Simon hob den Kopf und blickte mit kunkelnden Augen um sich. Seine Gesichtszüge verrieten die unausgesprochene Lust, die
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