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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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lich. Seine Augen flackerten wild. Sein Nacken schien sich ewig aufzubäumen.

Luria ging unvermittelt auf sein Ziel los. Man habe ihm erzählt, daß Wolf Christ sei.

Wolft᷑ nickte, ohne zu antworten.

Ich bin überzeugt, gestand Luria,daß du daran denkst, den lrrtum deiner Eltern auszutilgen, zumal du einsiehst, daß er nutz- los war.

Wolt᷑ lächelte höflich. Sein Blick gab zu erkennen, daß er zwar keine Entgegnung bereit hatte, aber Luria gerne weiter hören wollte. Ich habe nicht die Absicht, einen Bekehrungsversuch zu unter- nehmen, sagte Luria mit glhenden Augen.Seit den Tagen KHillels des Alten hat das Judentum sich nicht mit Seelenfang be- schäftigt. Aber vielleicht erlaubst du mir, dir zu helfen.

Wolfs Augen drückten vorsichtige Zweifel aus, ob Luria ihm zu helfen in der Lage sei.

Der Vorbeter fühlte diese Zweifel. Kränkung durchfuhr ihn. Sein Hals straffte sich. Der Nacken war heftiger gebäumt als je. Er suchte Wolf klarzumachen, daß neben der Bestimmung, gehaßt zu werden, Jude zu sein eine Vergnstigung des Himmels war. Und mit der Haltung eines Erzvaters fügte er hinzu:Das Judentum ist reicher, als du denkst. Möchtest du an diesem Reichtum nicht teilhabend Bisher hattest du nur an der Verfolgung und an den Leiden teilgehabt.

Wolf᷑ zögerte immer noch, Stellung zu nehmen.

Der Erzvater verschwand. An seine Stelle trat ein Pharisäer, eifer- voll, pedantisch, genau.

Du mußt doch wissen, wofür du lebst! sagte der Pharisäer und zeichnete mit den Fingern geometrische Figuren in der Luft. Was ist ein Jude wert, der nichts vom Judentum weiß? Wem dient er? Was ist seine Aufgabed Oder glaubst du, das Judentum hat keine Aufgabe zu erfüllen? Wolf hatte sich gefaßt. Er blickte in Lurias ausdrucksvolles Ge- sicht.Ich sage nichts gegen das Judentum. Es ist eine große und machtvolle Religion. Niemand entrinnt ihm, der sein Ge-

fangener ist. Warum aber befreit es uns nicht, statt uns gefangen zu halten?

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