Z2WEITES KAPITEL⸗
Die in der oberen Kammer des Turms wohnenden zwei Menschen, Michael und Ruth, arbeiteten beinahe schon sieben Wochen in dem zur Montagehalle umgewandelten Turnierhof des Schlosses zu L. Sie waren zum Abendappell angetreten. Der Betriebsleiter Schilling ging langsam mit wehendem Mantel durch den Raum. In dem grellen Licht sahen die Gesichtszüge fahl und übermüdet aus.
Aber Wappen und Wappensprüche, die die Längswand schmück- ten, strahlten unberührt. Da gab es Turnierhelme mit offenem und mit geschlossenem Visier. Löwen und Finhörner hielten im Verein mit Giganten und nackten Nymphen von Spruchbändern umgebene Wappen hoch.
Tiefer unten, zwischen Drehbänken, Schmiedefeuern, Schleif- maschinen, Schweißapparaten, Schraubstöcken, Hobeln, Fräß- maschinen und Montagegruben, die offenen Gräbern glichen, stan- den zwei Arbeiterzüge: links die Frauen, rechts die Männer. Schilling, der Werkleiter, liebte es, dem Appell militärisches Aus- schen zu geben. Besonders die Frauen hatte er in scharfe Zucht genommen.
Wie um zu beweisen, daß die Frauen den Männern in keiner Weise nachstanden, hielten sie ihre Köpfe hoch, ihre Mienen ge- strafft, ihre Hände ausgestreckt. Die Gleichheit von Arbeitsklei- dung, Arbeit und Haltung hatte alle Unterschiede von Alter und Geschlecht ausgelöscht. Die überstandenen Leiden und Gefahren,
23


