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Revolte der Heiligen : Roman / Ernst Sommer
Entstehung
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begegnet. Ihr Fehlen machte die Stille so lastend und die Traurig- keit so schwer.

Die vorher von ihren letzten Bewohnern verlassene Judenstadt hatte vor vier Monaten ihre gegenwärtigen Bewohner empfangen. Es waren nehst den Vertretern einiger nützlicher Berufe haupt- sächlich die Arbeiter und Arbeiterinnen der Autoreparaturwerk- stätte, die in dem großen, überdeckten Schloßhof eingerichtet worden war. Das Schloß überragte mit seinen Turmspitzen die ge- samte Landschaft. Wo immer man stand, erblickte man das die höhere Turmspitze zierende Kreuz. Man konnte seinem strengen Zeichen nirgends entgehen. Sogar hier in der Tiefe, zwischen Trümmern und Baumkronen, war ein Stück des Kreuzes erkenn- par. Es plitzte am Rande des Himmels wie ein verfrühter Abend- stern.

Jonas richtete seine Augen langsam auf den Fremden.Woher kommst duꝰ?

Wolf gab in wenigen Sätzen Bescheid. Er war Chefkonstrukteur einer nordpöhmischen Maschinenfabrik gewesen. Von dort bis nach L. hatte er einen langen Weg zurückgelegt, einen oftmals gewundenen Weg mit vielen und absonderlichen Stationen. Jonas nickte unfreundlich.Wir alle haben viele Stationen zu- rückgelegt. Und das schlimmste ist: Manche von uns haben sie zweimal durchlaufen, auf dem Hin- und auf dem Rückweg. Er selber war in einem uralten Hause in der Judengasse zu Lwow geboren und hatte dortselbst die erste und glücklichere Hälfte seines Lebens verbracht. Die schmalen, vergitterten Fenster lagen tief. Denn die Straße war wiederholt aufgeschüttet worden. Unter den Fußböden wölbten sich kühle und trockene Keller, in denen es sich im Winter wohlig schlief. Die Wände trugen ehrwürdige Inschriften in der heiligen Sprache. Sie hatten das vorbildliche Leben mancher Gerechter gesehen.

Der Herbst des Jahres 1915 hatte viele jüdische Einwohner aus Lwow vertrieben. Auf der Flucht vor den Russen geriet Jonas bis nach Wien . Hier, in der Judengasse der Inneren Stadt, begann Jonas, neben der Thora Polnisch und Ukrainisch zu unterrichten. Umgeben von Schülern und Söhnen hoffte er, seine Tage in der Wiener Judengasse zu beschließen.

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