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ERSTES KAPITEL
Die Gasse, durch die Sebastian Wolf von Jonas, dem Judenrat, ge- kührt wurde, wies alle Merkmale des in der Judenstadt zu L. herr- schenden Verfalles auf. Die Fenster waren mit Holz verschalt, die Türen kaum verschließbar. Die vom Feinde abgenommenen Türgriffe waren durch Stricke ersetzt, die Treppen geländerlos. Aus den breiten Mauerlücken sickerte Wasser.
Wolf᷑ betrachtete neugierig seinen Führer, dessen Haut von Sonne und Regen braungebeizt war. Ein dünner, weißer Bart umrahmte das kleine, eulenartige Gesicht. Dies also war der Judenrat, die über die Judenstadt gesetzte Obrigkeit.
„Wohin führst du mich?“ fragte Wolf.
„Hab' ich es dir nicht gesagtd Du wirst in meiner Stube schlafen. Fin anderer macht dir morgen Platz.“
Wolk neigte sein Haupt und schwieg. Während sie weitergingen, blickte der Meuankömmling um sich. Der hier zutage tretende Ver- fall schien künstlich übertrieben. Nie hatte Wolf eine so um- fassende Verwüstung gesehen. Selbst die Luft schien in den Be- reich der Zerstörung einbezogen. Sie schien mit Scharfem und Giftigem versetzt.
Und jetzt fiel es Wolt᷑ auf, daß er nirgendwo Kindern begegnet
war. Außer für seine eigene Tochter hatte er niemals für andere
Kinder Sympathien empfunden. Hier aber hatte er das heftige Verlangen, einem Kinde zu begegnen. Er stellte sich unklar vor, daß das Elend weniger aufdringlich gewirkt hätte, wäre man Kindern
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