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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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sammengeschmolzener Transport mit anderen, hastig ge- sammelten Truppen in ein Loch derwankenden Stalingrad- front geworfen wurde. Das Letzte, was ich vor meiner Verwundung Sah, waren fallende und flũchtende deutsche Soldaten, unter ihnen Oberfeldwebel Haddenhorst, der um Gnade schreiend die Arme hob. Ihre jämmerlichen Schat- tenrisse zeichneten sich schwarz ab gegen den Feuerschein der unbezwingbaren Stadt. Da begriff ich in aller Klarheit, daß wir uns aus Jãgern und Treibern in Gehetzte verwan- delt hatten. Da begriff ich, daß die kleinen Lehrer, die nicht auf den Knien leben wollten; und die Frauen, denen keine Marter ein Wort entreißen konnte; und die Bauernpartisa- nen, gegen die unsere stolze Wehrmacht nichts auszurich- ten vermochte; und die Geiseln, die im Angesicht des To- des ihr trauriges und doch siegverkündendes Lied sangen, daß sie und ihresgleichen die Stärkeren waren, nicht wir. Ja, da begriff ich: unsere Sache war schlecht, war verloren. Und wer das nicht Sah; wer das Sah, aber trotzdem feige bei der Stange blieb, der verdiente nichts Besseres, als zertre- ten zu werden wie Ungeziefer.

Ich sprang auf, um mich zu ergeben.

Da traf mich der Schuß ins Gesicht.

Ich weiß, was Sie sagen wollen, Schwester Marussja... und ich frage mich selbst immer wieder: was ist eine Er- kenntnis wert, wenn sie so spät kommt wie in meinem Fall? Wo liegt die Gewãhr für die Annahme, daß die Hol- lers, die noch auf der andern Seite sind, fortab schneller be⸗ greifen und schneller Schluß machen werden? Und kann man ihnen, kann man uns überhaupt noch jemals Vertrauen Schenken?

Alles, was ich darauf zu antworten vermag, ist dies: ein- mal kommt die Zeit, da das Maß voll wird und überlãuft auch für die Hollers, und ich glaube, die Zeit ist jetzt da. Die Zeit des Erkennens, des Erwachens aus Stumpfsinn und Feigheit, und die Zeit des Handelns. Das soll nun nicht

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