Ich blieb davor bewahrt, auch noch ein SS.-Mann zu werden, einer von denen, die das Verbrechen nicht nur dulden oder mitausführen, sondern organisieren und ver- teidigen. Aber das war nicht mein Verdienst. Es kam bloß deshalb nicht so weit, weil sich die Sache in Glubokaja er- eignete. Die entsetzliche Sache in Glubokaja.
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Glubokaja, ein stattliches Kollektivdorf mit vielen neuen Wohnhäusern und Stallungen und einer schönen Schule, lag damals noch an die fünfzig Kilometer hinter der deut- schen Front. Die meisten Gebãude befanden sich in gutem Zustand, da sie auf besonderen Befehl als Heeresmagazine und Quartiere für Truppennachschũbe geschont werden mußten.
Ein großer Teil der Bevölkerung hatte sich vor der Be- setzung des Ortes in die umliegenden Wälder geflüchtet. Als Vergeltungsmaßnahme für einige Brückensprengun- gen in der Umgegend war dann die Hãlfte der zurückge- pliebenen Finwohnerschaft an die Wand gestellt worden. Zu den Erschossenen gehörten auch zwei Lehrerinnen und neunzehn Kinder, deren Leichen noch auf dem Spielplatz hinter der Schule lagen, als wir in Glubokaja eintrafen.
Wir waren nicht in der besten Verfassung. Unser Trans- port hatte wãhrend der letzten Tage fast ein Viertel seines Bestandes durch Partisanenũberfälle verloren. Es war ein unheimlicher Krieg, den wir da führen, oder besser gesagt: erleiden mußten. Der Feind— unsichtbar, kaum zu fassen und tõdlich wie Gas— stahl uns unsere Nãchte und ließ uns auch tagsũber nie lange in Ruhe. Dazu kam der zermür- bende Anblick zahlloser deutscher Soldatengräber. Weiße Holzkreuze, wohin man blickte. Sie winkten von den Hũ- geln, sie standen an Bachufern und Waldrändern, sie he- gleiteten die Straßen— nur selten einzeln, viel õfter in Rei-
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