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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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ausprobiert würden: aSchen aus wie die Bankwagen, in denen Geld und Wertgegenstände transportiert werden. Es gehen da bequem Stücker fünfzig Jũdchen hinein, aber wenn's sein muß, lassen sich auch sechzig reinquetschen. Man kutschiert sie dann direktemang zu der Stelle, wo sie nachher sanft ruhen sollen. Unterwegs wird das Gas ange- dreht, und bei der Ankunft ist die ganze Fracht beerdi- gungsreif. Der Kerl, der das erfunden hat, ist ein Genic. v

Nein, es schlug ihm keiner von uns in die Fratze. Nur Reichardt, der Alteste in unserer Nachschubgruppe, ein ruhiger süddeutscher Bauer, der schon den letzten Krieg mitgemacht hatte, stand totenblaß auf und verließ das Ab- teil.

Ich fand ihn spãter, das knochige, vierkantige Gesicht immer noch kalkweiß, auf der hinteren Wagenplattform hocken und kopfschüttelnd in seiner alten Bibel lesen, die er in einem bunt ausgenähten Lederbeutel mit sich führte.

Er blickte kurz auf und machte mir ein Zeichen, ich solle mich neben ihn setzen. Ohne weitere Einladung begann er vorzulesen:«Das Volk im Lande übt Gewalt, sie rau- ben getrost und schinden die Armen und Hlenden und tun den Fremdlingen Gewalt und Unrecht. Ich suchte unter ih- nen, ob jemand sich zur Mauer machte und wider den Riß stünde vor mir für das Land, daß ich's nicht verderbte; aber ich fand keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich mit ihnen ein Ende.» Reichardt steckte die Bibel ein und Sagte: Wir sind zu Viechern geworden. Könnten wir sonst so lange alles mitansehn? Aber so ist es: je mehr man sich an das Grauen gewöhnt, um so weniger Mitleid und Ab- Scheu fühlt man.v

Wie oft habe ich seither an Reichardts Worte denken müssen. Er hatte recht, er hatte furchtbar recht. Die Ge- wöhnung an das Grauen tõtet das Mitleid. Nur das Mit- leid? Sie tõtet mehr, viel mehr. Deshalb wird sie ja auch

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