machen versuchte, daß ein guter Soldat vor allem ver- stehen muß, tadellos zu sterben, lachte er mich aus. Er meinte, es lohne sich nur, das Leben herzugeben, wenn man es mit allen Fasern liebe, und wir werfen es angeblich weg, wie man schmutziges Wasser fortschüttet. je länger
ich darüber nachdenke, desto unerbittlicher dämmert mir
die Gewißheit, daß es tatsãchlich so ist. Wir, der preußische Adel, die ersten Soldaten der Nation, was sind wir heute anderes als Spülwasser, das fortgeschüttet wird? Wir ha- ben in der Vergangenheit ein paar gehörige Niederlagen einstecken mũssen, aber wir sind uns doch immer treu ge- blieben; das war nach jena so und in der achtundvierziger Revolution und 1918. Aber vor zehn Jahren und immer seither, in der ganzen Neuen Ordnung, haben wir versagt. Wir haben geschwiegen und sind zu so was wie Hehlern ge- worden. Darüber helfen keine heimlichen Vorbehalte, keine Naserũmpfereien hinweg. Wir waren einmal die Re- prãsentanten von Tradition, Ordnung, Religion, Pflicht. Heute stehen wir oder fallen wir für Hysterie, Willkür, Heidentum und Demagogie. Das kommt davon, wenn man soldatische Tugenden mit zivilen Dummheiten und Lastern bezahlt. Wir sind foutu, wie immer die Partie aus- geht. Und wohin haben wir Deutschland durch unser Tun gebracht, und mehr noch durch unser Nichttun? Wenn ich mir denke, daß es vielleicht in zwei oder drei Stunden mit mir aus ist, falls nicht noch unerwartete Hilfe kommt; und wenn ich mit einer solchen Perspektive vor Augen ver- suche, ein Fazit zu ziehen, so bleibt von meinem ganzen Leben nichts zurück, als ein niederträchtig fauliger Ge- Schmack wie nach einer Besãufnis mit billigstem Fusel. Ach, jetzt erst verstehe ich meinen Hölderlin recht:„Der Knechtsdienst tõtet, und nur gerechter Krieg macht jede Scele lebendig“. v
Es mußte eine ganze Weile verstrichen sein, seitdem Frau von Chabrun verstummt war. Aber auch als sie von
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