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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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daten hinter ihm her: er soll ihnen Auskunft geben, ob ihre Angehörigen auf den Verlustlisten stehen. Und er durfte doch hõchstens zchn Namen in der Woche bekanntgeben. Schließlich ist er davon verrückt geworden. Auf der gan- zen Fahrt zur Unfallstation hat er noch geschrien:Das kann man nicht von mir verlangen. Soll'n sie sich selber den Tod rationieren l? bis man ihn mit einer Spritze still ge⸗ macht hat. v

Mutter schwieg und ließ die Nadel für einen Augen- blick ruhen; sie ordnete wohl in Gedanken die Ereig- nisse, von denen sie gesprochen hatte und noch sprechen wollte.

Ach ja, das sei ein arges Theater gewesen, fuhr sie fort, und natürlich habe der geschäftsführende Bürgermeister das meiste von dem õffentlichen Krger und den Scherereien abgekriegt. Und zu dem ganzen amtlichen Ungemach, zu den Plackercien mit der städtischen Lebensmittelversor- gung und zu einem Skandal in der Kriegsopferfürsorge (pei dem Onkel Helmuts guter Freund Prokesch in der Ver- senkung verschwunden sei), zu all dem komme auch noch die Kalamitãt mit den ⁊zwei Töõchtern. An denen erlebe der gute Helmut wahrhaftig keine Freuden! Die eine das war Anneliese, deren Namen Mutter auch diesmal nicht in den Mund nahm lasse sich zu Hause fast überhaupt nicht blicken, sondern kutschiere immerzu herum, angeblich im Auftrage von hohen Parteistellen und auf Wunsch ihres neuen Verlobten, des Herrn Eckersberger, aber ganz R... sei voll von Klatschgeschichten über diese Dienstrei- sen mit dem Adjutanten des Sonderbeauftragten, einem jungen Baron aus dem Reichswirtschaftsministerium. Hier konnte es sich Mutter nicht versagen, ein kleines Dankge- bet dafür, daß Anneliese nicht mehr meine Frau war, ein- zuflechten, bevor sie in ihren Betrachtungen fortfuhr. Ja, so stehe es also um die eine Tochter. Und die andere, Effi Hier machte Mutter wieder eine Pause, beugte sich tie-

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