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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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daß sie zu den Evakuierten gehörte. Sie holte eine Marga- rinestulle und einen Apfel aus ihrer Handtasche und mit hemmungsloser Gier. Nachdem sie den ersten Hunger ge- stillt hatte, wandte sie sich mir zu.

(Ja, das ist ein Jammer, so in der Fremde, nicht wahr?» begann sie weinerlich.«Jeder Schritt wird einem schwer gemacht. Keiner von diesen Tschechen will Deutsch ver- stehen. Und wie sie einen anschauen, ach du meine Güte, es kann einem dabei ganz unheimlich werden. Man hat hier ja beinahe dasselbe Gefühl wie zu Hause in Köln . Dort weiß man nie, ob die Tommies nicht plõtzlich zu bomben anfangen, na und hier weiß man auch nicht, was sich zu- sammenbraut, so was Unbekanntes, Schleichendes, das man nicht zu fassen kriegt. v Sie schüttelte sich.«Und die eige- nen Volksgenossen sind auch nicht erfreut über den Zu- wachs. Man kommt sich vor wie Auswurf, wenn man s0 im Stadion wohnen muß, zu hundert in einem Schlafsaal, und ohne richtige Betten. Dabei hatte ich ein Eigenheim in Köln-Deutz mit einem Gärtchen hinten hinaus. Und jetzt muß ich warten, bis eine tschechische Judenwohnung freigemacht wird. v

Zwei gutgekleidete Mädchen, sonnengebräunt, mit ko- kett angesteckten Rotkreuz-Kokarden, kamen heran und schwenkten rasselnd ihre Sammelbüchsen. aReichsblu- menspende! Jedem Soldaten des Führers eine Blume als Gruß der Heimat. Nur zwanzig Pfennig, Volksgenos- sin!*

Die Frau maß die Mädchen mit unverhülltem Arger. Nimmt denn das gar kein Ende? Ich habe genug geopfert. Ich bin auch Soldat. Von der Bombenfront. Aus drei ver- schiedenen Wohnungen gebombt. Ich glaube, das genũgt.* Sie erhob sich und verließ uns.

Die zwei Mädchen standen zuerst sprachlos da. Pann, mit einem schnellen Seitenblick zu mir hin, krähte die grö- ßere von ihnen: aIst ja unerhört! Die glaubt wohl, sie

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