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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
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Moritz Arndt? Ich kannte das Buch nicht, aber es war vermutlich ein altdeutscher Schinken von der Art, wie sie Oberlehrer Zemlitschka-Zeckendörffer liebte, denn ich er- innerte mich noch aus meiner Schulzeit, die Büste des Au- tors neben einem Gipskopf von Turnvater Jahn auf dem Bücherbrett in der Lehrerswohnung geschen zu haben. Nein, man wurde aus Gerhard nicht schlau. Etwas war wohl schon an dieser Bewußtseinsspaltung, von der er bei unserem letzten Zusammensein gesprochen hatte.

Der Zufall fügte es, daß ich gerade an diesem Tage zum erstenmal seit meiner Finlieferung in das Krankenhaus Stadtausgang erhielt. Ich hatte nichts besonderes vor, und so beschloß ich, die Bücher für Gerhard gleich heute zu besorgen.

Wãhrend ich an meinen Krücken durch die Straßen der Innenstadt humpelte, fielen mir große Rudel deutschspre- chender Frauen und Kinder auf, die in ihrem Ausschen und Gehaben von den üũblichen Kraft-durch-Freude-Touristen aus derm Altreich merklich abstachen. Sie sahen ungepflegt aus und machten einen mißmutigen Eindruck; viele von ihnen schienen gehetzt, verzweifelt, hysterisch. Die Ein- heimischen beachteten diese seltsamen Gäste entweder überhaupt nicht, oder legten ihnen gegenüber eine ab- wehrende, aus kalter Neugierde und mitleidloser Befriedi- gung gemischte Haltung an den Tag. Wie mir ein aufge- fangener Gesprächsfetzen verriet, handelte es sich um Evakuierte aus den bombardierten westdeutschen Gebie- ten.

Mein Bein begann zu schmerzen, und ich beschloß, mich auf einer Bank im Pärkchen vor dem Hauptbahnhof aus- zuruhen. Ich saß noch keine fünf Minuten, als sich eine verschwitzte, dicke Frau neben mir niederließ. Auch ohne das Abzeichen der Bombengeschädigten, das sie an ihrem Strohhut befestigt hatte, wäre ihr anzumerken gewesen,

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