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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
254
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mich so ein eigentümliches Gefühl am Wickel, und mir ist, als wäre ich eben nicht nur Offizier und Nationalsozia- list. Und dann frage ich mich zum Beispiel, ob wir noch den Himmel stũrmen wie früher oder nur noch vorwärts- getrieben werden, weil es kein Aus noch Ein mehr gibt. Ich habe mal auf der Hochschule in einem von diesen- dischen Büchern etwas über Bewußtseinsspaltung gelesen, und gottverdammich, ich bin manchmal versucht... So was ist natürlich unmõglich, glatterdings unmöglich für einen Leutnant und Parteigenossen von der Alten Garde... Aber unmõglich oder nicht, sie ist da, diese idiotische Spal- tung. v

Er versank in Schweigen. Es verging eine Viertelstunde, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Ich sah plõtzlich, daß die Ränder der Narbe an Gerhards Kopf rot hervor- traten, wãhrend sie vorher kaum sichtbar gewesen waren. Ja, er war alt.

Als merke er etwas von meinen Betrachtungen, wischte Serhard sich mit der Hand ũber die Stirn und begann von neuem: aIch habe da bei meiner Batterie einen Unteroffi- zier, einen ãlteren Mann, von Beruf Geigenbauer. So einen Stillen im Lande, der sich gewissermaßen einspinnt in seine Sonderbaren Gedanken. Im vergangenen Winter, wenn wir eingeschneit waren, hat er ab und zu was aus den Bũchern vorgelesen, die er immer mit sich herumschleppt. Da war eine Stelle aus Hamlet darunter... Shakespeare gehört schließlich zur germanischen Literatur... also die Stelle hat auf uns alle einen besonderen Eindruck gemacht. Wir haben noch oft darũber gesprochen. Sie geht ungefähr so: Von der Tafel der Erinnerung will ich weglöschen alle tõrichten Geschichten, aus Büchern alle Sprüche, alle Bil- der; die Spuren des Vergangenen, welche die Jugend da eingeschrieben, und Beobachtungen! Ah was, Dummhei- ten, Dummheiten. Es ist selbstverständlich nur der Gra-

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