Seelke verzog bei dieser Bemerkung sein Gesicht zu ei- nem trübseligen Grinsen; es sah aus, als verbeiße er ein Zahnweh.
¶Ja, und nun verlangt die Kathrin auch noch, ich soll die Traueranzeige für ihren Hermann aufsetzen?, fuhr Seelke in seiner Jeremiade fort, adabei hab ich den Menschen nie verknusen kõnnen. Aber so ist sie nun mal, die Kathrin, im- mer brockt sie mir was ein. Pas fing schon ganz früh an, als sie noch im Wagen lag und ich auf sie aufpassen mußte; da schmiß sie regelmãßig die Flasche hinaus, sowie ich nur wegschaute, und ich kriegte nachher natürlich die Senge. Na, und spãter in der Schule! Immerzu mußte ich zum Di- rektor und für Kathrin um Gnade betteln, weil sie ja doch eine elternlose Waise war. Aber das richtige dicke Ende kam doch erst vor ihrer Heirat. Der Hermann hatte sie verführt, aber wie er sie dann ehelichen sollte, erklärte er plõtzlich: Iot ja ganz außer Frage, ich führe nur eine unbe- eckte Jungfrau heim. Da lacht ihr, was? Aber ich kann euch sagen, mir war nicht zum Lachen. Damals hatten es die Mãdchen nicht so leicht wie heute, wo sie einfach ein Staatskind zur Welt bringen, und niemand fragt nach dem Vater, ja es gibt womöglich noch eine Prãmie von wegen der võlkischen Rassenpolitik. Ja, das gab es nicht, und der Hermann konnte von mir noch tausend Mark erpressen, glatt erpressen, der saubere Hecht; und das Schönste dar- an War, daß die Kathrin ihn nicht einmal mehr mochte. Aber das Kind mußte ja doch einen ehelichen Vater krie- gen; s0 hab ich eben die Zãhne zusammengebissen und ge- blecht. Meine ganzen Ersparnisse sind draufgegangen und dreihundert hab ich noch bei der Vorschußkasse borgen müssen. Dabei war's nachher dann eine Totgeburt. Und wißt ihr, was der Kerl von meinen tausend Märkern ge- kauft hat? Eine Herrenzimmereinrichtung, türkisch, mit Rauchtisch und orientalischen Polstern. Na, die Herrlich- keit hat nicht lang gedauert. Schon nach einem Dreivier-
233


