Manchmal, wenn ich versuche, mich in mein damaliges Denken und Fũhlen zurckzuversetzen, erscheint mir alles: meine Gedanken, mein Tun, mein Lassen, nur wie ge- trãumt. Wie im Fieber geträãumt erscheint mir vor allem jener Abend, an dem Klobocznik mir zuriet, ich solle doch das Radio abstellen, es sci langweilig, diesen Bericht über ein tschechisches Porf anzuhören, das dem Boden gleich- gemacht worden war: und überhaupt, was liege schon an einem solchen NMest? Kein Hahn krähe danach. Und ich Stellte das Radio ab, ohne mir etwas dabei zu denken. Ich pehiclt den Namen des Dorfes keinen Tag, keine Stunde im Gedãchtnis. Es störte für eine lange Zeit nicht den Schlaf meiner Näãchte, dieses bõhmische Porf Lidice , des- sen erwachsene Einwohner erschossen, dessen Kinder ver- schickt, dessen Häuser niedergewalzt, dessen Namen und Andenken ausgelöscht worden waren, und das mittler- weile— wie ich jetzt weiß= durch die ganze Welt wanderte, sich vervielfãltigte, ⁊u einem furchtbaren, anklagenden, rä- chenden Leben auferstand. Wird man mir glauben, daß wenige Erinnerungen mir so unheimlich sind wie die an jenen Abend, da ich auf Kloboczniks Zuruf hin wurstig und gedankenlos den Knopf des Radioapparates nach links herumdrehte?
War es ein Zufall? Oder ahnte meine Mutter etwas und wollte mir einen Weg zeigen? Ich weiß es nicht, sie gab mir weder damals noch spãter eine Erklärung, warum sie in einem ihrer üblichen Briefe, die immer nur von kon- kreten Dingen, von der Familie, von mir und von den An- gelegenheiten des tãglichen Lebens handelten, unvermit- telt und ohne jeden ersichtlichen Grund schrieb:«Unsere Zeit ist voller Unruhe. Wolken haben die Sterne verdeckt. Aber die Sterne sind da. Jetzt müssen wir die Augen offen halten, müssen mutig sein und dürfen uns nicht mit der Finsternis abfinden. v
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